 verfliegen auch, aber es kommen neue.
    Mein lieber Freund, der Retter ist ein unlustiges Thema - er fällt auf die
Nerven, auch wenn man nur von ihm spricht. Er wirkt wie eine schwüle Atmosphäre,
der man so bald wie möglich wieder entrinnen möchte. Also - ich entrinne hiermit
Ihnen, den Rettern und dem Briefschreiben. Hätte ich doch immer einen so guten
Vorwand, wenn ich nicht mehr schreiben mag.
 
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Ich bitte Sie, liebster Doktor, schelten Sie nicht schon wieder über meine
Zerstreutheit - gerade Sie haben verhältnismäßig wenig darunter zu leiden
gehabt, ich verwechsele Sie schon längst nicht mehr mit anderen Bekannten - ich
weiß immer, wer Sie sind und wie wir miteinander stehen.
    Sie können beim besten Willen nicht begreifen, dass ich Frau N..., mit der
wir einen so netten Abend verlebten, nicht wiedererkannte? Damen erkenne ich
fast nie wieder, sie sehen doch jedesmal anders aus - andere Toiletten, andere
Hüte, andere Begleiter...
    Und der nette Abend hat Ihnen anscheinend mehr Eindruck gemacht als mir. Du
liebe Zeit, ich habe mehr als einmal Leute nicht wiedererkannt, mit denen ich
noch viel nettere Abende verlebt hatte - und die es mir tödlich übelnahmen.
    Ihr Brief gefällt mir überhaupt nicht sehr, er klingt etwas trübselig und
verstimmt. Und ich bin gerade so guter Laune, so ohne jeden Grund
seelenvergnügt. Das ist bei mir ja öfters der Fall, und ich weiß schon, dass es
manche Mitmenschen geradezu irritiert. Sie nehmen Ärgernis daran, dass man ohne
Anlass glücklich ist, um so mehr, wenn man infolge aller möglichen Lebensumstände
Grund genug hätte, sich unglücklich oder wenigstens unbehaglich zu fühlen.
    Aber sei dem, wie es will - ich kann diese schwarze Stimmung bei Ihnen nicht
ausstehen - mich macht es wiederum nervös, wenn ich jemand ohne schwerwiegende
Veranlassung Trübsal blasen sehe. Und ich habe den edlen Vorsatz, Sie ein wenig
zu trösten.
    Wären Sie hier, dann könnte ich Ihnen doch wenigstens die Falten von der
Stirn streichen oder - je vous donnerais une de ces heures, qu'un homme n'oublie
jamais. (Diese hübsche Wendung ist leider ein Plagiat, ich habe sie irgendwo
gelesen.) Aber Sie sind nicht da und grollen nur irgendwo in der Ferne, weil ich
Frau N... gegenüber einen so heillosen faux pas begangen habe. - Schade, dass Sie
nicht dabei waren, wie ich sie im Vorbeigehen leutselig auf die Schulter tippte:
ja, Lily, wie kommen Sie denn hierher? - Doktor R... ist schon fort! Das
Gesicht, mit dem sie sich da umdrehte, werde ich nie vergessen.
    Es ist auch ein Kreuz, dass sie
