
gestattet. Die Mondblume, so benamset, weil ihre Blättlein rund wie Vollmond,
wächset bei Schreiberhau in der Großen Schneegrube, wo sich eine Basalt-Ader
durch den Granit zieht. Kreucht unter Knieholz am Boden dahin, vergleichbar dem
Bärlapp und trägt im Sommer rosenfarbene Glöcklein, würzig duftende. Lieber
Oheim! Sollte die beschriebene Blume sich unter Deinen getrockneten Kräutern
befinden, so sende mir den ganzen Vorrat. Der Überbringer dieses Briefes, ein
Diener des Herrn Grafen Slawata, wird Dir guten Preis dafür zahlen. Falls Du
aber die Mondblume noch nicht hast, so siehe zu, dass Du sie findest, sobald der
Sommer auf die Berge steigt. Derohalben sollst Du diese Beschreibung der
Mondblume aufbewahren und wiederholt lesen. Nun Gott befohlen, guter Oheim, und
grüße die alte Beate. Dein Johannes.«
    Der nächste Teil des Schreibens, so mit meiner erfundenen Tinte geschrieben
werden sollte, erhielt diese Fassung: »Ach Oheim! Diese Nachschrift ist mit
einer Tinte geschrieben, so in den ersten beiden Wochen blass wie Wasser, erst
später dunkel wird. Geheime Schrift hab ich erwählt, weil das, was ich Dir jetzo
mitteile, nicht für die Augen derer ist, so den Brief an Dich gelangen lassen.
Diese Menschen sind meine bösesten Feinde. Der Graf Slawata zu Prag und sein
Helfershelfer, Pater Aloisius, ein Dominikaner, haben mich in die böheimische
Burg Wasenstein eingesperrt, soll da Gold für sie machen. Das kann ich nun
freilich, und Du sollst wissen, lieber Oheim, dieselbe Tinktur, so mir durch
Zufalls Hilfe einmal in Prag gelungen ist und Blei zu Golde tingieret hat,
verstehe ich jetzo beliebig zu bereiten. Die Mondblume ist bereits in meine
Hände gelangt, wiewohl in so geringer Quantität, dass ich nur ein winzig
Fläschlein Tinktur gewinnen konnte. Unter diesen Umständen erflehe ich von Dir
zween Dienste. Erstens sende mir durch den Grafen Slawata ein reichlich Quantum
der Mondblume, zum andern aber sollst Du mich befreien aus meiner
Gefangenschaft. Wirst nun fragen: wie vermag ein schlichter Kräutermann eine
gewappnete Burg zu öffnen? Wohlan, höre: Begib Dich unverzüglich nach Empfang
dieses Schreibens zum Herrn Wallenstein, Herzog zu Friedland. Brauchst aber
nicht den Herzog selber zu sprechen, da er sich vielleicht mit meiner Sache
nicht befassen mag, wiewohl sie für ihn so wichtig wie ein Königreich. Frage nur
nach Doktor Seno, einem italienischen Herrn, als Astrologus in herzoglichen
Diensten. Dem sage alles, was Dir von mir bewusst. Magst ihm auch meinen ganzen
Brief weisen. Beschwöre ihn, dass er mit seines Herzogs Beistand mich befreie.
Ich verspreche ihm, dafür Gold zu bereiten, soviel er haben will. Wofern aber
Herr Seno nicht gläubet, dass mir die Goldbereitung möglich,
