
Fräulein Anna Rosner einzuladen für den Freiherrn von Wergentin!
    »Anna befindet sich doch außer Gefahr?« fragte Heinrich.
    »Ich hoffe«, erwiderte Georg. Dann sprach er von den Schmerzen, die sie
gelitten, von ihrer Geduld und ihrer Güte. Er hatte das Bedürfnis, sie als
vollkommenen Engel darzustellen; als könnte er damit etwas sühnen, was er gegen
sie verschuldet hätte.
    Heinrich nickte. »Sie scheint wirklich eine von den wenigen Frauen, die zur
Mutterschaft bestimmt sind. Es ist nämlich nicht wahr, dass es viele von der Art
gibt. Kinder zu kriegen dazu sind sie ja alle da, aber Mütter zu sein! Und
gerade sie musste das erleiden! Es ist mir eigentlich nie in den Sinn gekommen,
dass so etwas eintreten könnte.«
    Georg zuckte die Achseln. Dann sagte er: »Ich hatte erwartet, Sie noch
einmal draußen zu sehen. Ich glaube, Sie versprachen mir sogar etwas
dergleichen, als Sie vor acht Tagen mit Terese zusammen bei uns nachtmahlten.«
    »Ach ja, wie wir uns so furchtbar gezankt haben, Terese und ich. Auf dem
Heimweg ist es noch ärger geworden. Zum lachen. Wir gingen nämlich zu Fuß bis in
die Stadt. Die Leute, die uns begegneten, müssen uns unbedingt für ein
Liebespaar gehalten haben, so fürchterlich haben wir uns gestritten.«
    »Und wer hat am Ende recht behalten?«
    »Recht? Kommt das jemals vor, dass einer recht behält? Man diskutiert doch
nur, um sich selbst, und nie um den andern zu überzeugen. Denken Sie nur, wenn
Terese am Ende eingesehen hätte, dass ein vernünftiger Mensch sich nie und
nimmer einer Partei anschließen kann! Oder wenn ich ihr hätte zugestehen müssen,
dass meine Parteilosigkeit einen Mangel an Weltanschauung bedeute, wie sie
behauptete! Wir hätten uns beide sofort totschiessen können. Was sagen Sie
übrigens zu diesem Gerede von Weltanschauung? Wie wenn Weltanschauung etwas
anderes wäre, als der Wille und die Fähigkeit die Welt wirklich zu sehen, das
heißt, anzuschauen, ohne durch eine vorgefasste Meinung verwirrt zu sein, ohne
den Drang, aus einer Erfahrung gleich ein neues Gesetz abzuleiten, oder sie in
ein bestehendes einzufügen. Aber den Leuten ist Weltanschauung nichts, als eine
höhere Art von Gesinnungstüchtigkeit Gesinnungstüchtigkeit innerhalb des
Unendlichen sozusagen. Oder sie sprechen von düsterer und heiterer
Weltanschauung, je nach der Färbung, in der ihnen die Welt kraft ihres
Temperaments und zufälliger persönlicher Erlebnisse erscheint. Menschen mit
offenen Sinnen haben Weltanschauung und beschränkte nicht. So steht die Sache.
Man muss wahrhaftig kein Philosoph sein, um Weltanschauung zu haben ...
vielleicht darf man's nicht einmal sein. Jedenfalls hat Philosophie mit
Weltanschauung nicht das geringste
