 Bilde.
Ich fühl' auch heut nur kalten Wind,
Seh' keine Blätter fallen -
Wenn ferne Lieben gestorben sind,
Hören wir Glocken hallen.
    Du wunderst Dich vielleicht, dass ich über das, worin der Mittelpunkt meines
Elendes ruht, über den Staat selbst, so wenig denke und zusammenstelle; ich
wundere mich manchmal selbst darüber; aber es ist nicht anders. Was sollt' ich?
Einen Staat konstruieren wie Sieiès, von dem man sagt, dass er immer mehrere
Exemplare des Staates in den Taschen gehabt? Dies Definieren aus der Luft ist
nicht meine Sache, und Du glaubst nicht, wie die Gedanken, zaumlos freigegeben
wie die Pferde der Ukraine in den unabsehbaren Steppen, Du glaubst nicht, wie
sie in der Irre müde werden. Man denkt im geschäftlichen Leben, wo des Tags kaum
zwei einsame Stunden gewährt sind, viel mehr Darstellbares; unser Inneres
braucht Abwechselung, Anregung ebensogut, um zu schaffen, wie der Körper, um
sich kräftig zu entwickeln. Es gibt kein abgesondertes Innere als die
Schwärmerei. Und soll ich toben, dass der Staat Gefängnisse braucht? Würden wir
einen Staat erhalten ohne sie? Mein moralisches Gefühl, das, was man innerste
Ehre nennen kann, verlangt jetzt gerade von mir die größte Milde, weil ich
selbst hart betroffen bin und die Rache mir etwas Unehrenhaftes dünkt. Die
Gefängnisse selbst anbelangend, würde ich eine unabhängige Kommission der
Humanität im Staate errichten, welche die Gefängnisse kontrollierte, und,
unabhängig vom Gericht und von der Regierung, wenn auch mit Rücksicht auf den
jedesmaligen speziellen Fall des Gefangenen, verfügte. Die Untersuchungsarreste
sind der wunde Fleck; sie erheischen strengste Aufsicht und sollen doch noch
nicht strafen, meist sind sie aber schmerzhafter als der Strafarrest; jedenfalls
sind sie zu sehr über einen Leisten und dem mitbeteiligten Untersuchungsrichter
zu sehr überlassen, der zur Erreichung seiner Zwecke seine Torturgrade dadurch
in der Gewalt hat. Du siehst, das ist ein bloß Administratives und hat mit der
Staatsspekulation im großen gar nichts zu schaffen, man hält sich eben immer an
das Nächste, wenn man klug wird. Wäre ich das früher geworden, dann säße ich
schwerlich im Loche. Alle Kenntnis und Förderung sonstiger Politik ist mir jetzt
benommen, die Politik selbst also liegt tot in mir; ich möchte auch nie einen
Staat aus dem Gefängnisse erfinden. Ist die politische Fluktuation der neuen
Zeit ein Übel, so ist sie's eben darum, weil man den Staat erfinden will, statt
ihn werden zu lassen, wachsen zu machen. Soll er echt sein, muss er sich
historisch entwickeln wie der Mensch, wie die Pflanze. - Es ist wieder ein
großes Ereignis dagewesen: man hat mir einige von den Büchern gegeben, die ich
mitgebracht habe
