 Deis werden
ab- und aufgesetzt wie ein Hut, und ich studiere Kriminalrecht, gegenwärtig
fleischliche Verbrechen.
    - Schade, dass es keine Klöster mehr gibt in unserer nüchternen
Protestanterei; ich möchte auf einige Zeit Mönch oder Nonne werden. Ade! -
 
                              9. Kamilla an Julia.
                                                            Grünschloss, im Juni.
Ich bin so glücklich, meine Liebe, Süße, Beste, dass ich Ihnen mitteilen muss von
unserem Überflusse. Worin unser Glück besteht? - Ja, das kann ich Ihnen nicht
auseinandersetzen, das Auseinandersetzen ist überhaupt meine Sache nicht. Die
Welt ist schön, der Frühling grün, die Menschen sind gut. An den Menschen, ja,
daran mag's wohl größtenteils liegen, wir haben meist neue um uns, lauter neue
Weltteile mit neuen Pflanzen und Bäumen, und das unterhält. Wunderliche Leute
sind's, aber lieb, gut meist, scharmant alle. Alberta hat Ihnen schon davon
geschrieben, ich darf wohl nur ergänzen. Es behagt auch meiner Hastigkeit nicht,
breit und tief zu schreiben. Kurz und spitz, das ist mir lieber. Eins ist dabei
wunderlich - der Graf. Wie der zu dem Gedanken kommt, uns mit so junger,
größtenteils bürgerlicher Gesellschaft zu umgeben, das weiß ich nicht. Ich
glaube, er experimentiert. Die Leute sind artig, und was dem einen oder dem
andern an gutem Ton, feinen Manieren abgeht, das ersetzt vielleicht für die
Privatgesellschaft ein gewisser Adel des Geistes und Gemüts. Viel gelernt haben
alle, zu reden wissen sie alle wie die Bücher, Poeten sind sie auch alle, und
meine schnurrige Gouvernante pflegte zu sagen, die Poeten wären alle von Adel.
Unsere Gespräche sind jetzt auch ganz anderer Art als früher, manchmal sind sie
mir sogar zu hochtrabend: über Völker, Länder, Sitten, Religion, Staat, Stände,
Poesie, Geschichte und was dergleichen hochbeinige Dinge mehr sind. Gar nichts
mehr über unsere Nachbarschaft, kein Räsonieren, Mokieren mehr, und wenn mich
manchmal der Schalk treibt, ein wenig über diese oder jene zu lästern, so sieht
mich Herr Valerius mit seinem wunderlich vornehmen Lächeln an, spricht »immer
frisch - 's ist noch zu wenig« u. dergl., dass ich still werde und mich schäme.
Das ist überhaupt der sonderbarste von allen, Herr Valerius, er kommt mir wie
der gelehrte Napoleon vor, er herrscht über uns alle. Wenn ich Ihnen aber sagen
soll, wie er das anfängt, so bin ich wieder in Verlegenheit. Ich weiß es nicht.
Er ist einfach in Manier und Rede; er befiehlt nicht etwa, Gott bewahre, er
spricht oft nur ein paar Worte, aber darin ruhen Napoleons Kanonen; er sieht
dabei mit seinen
