 seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die Rocktasche und hielt
Hickel wortlos ein dünnes Druckheft entgegen.
    Es war die vor kurzem erschienene Kaspar-Hauser-Broschüre Feuerbachs. Quandt
hatte das Büchlein erst heute in die Hände bekommen und es in einem Zug
durchgelesen.
    Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: »Na, und? Was
solls? Meinen Sie, dass das eine Neuigkeit für mich ist? Sie echauffieren sich
doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein Geschäft ist. Eher können Sie
einer Henne das Eierlegen abgewöhnen als einem geborenen Federfuchser das
Schreiben.«
    Quandt atmete tief auf. »Schreiben, schön; ich lasse ja vieles gelten,«
antwortete er, »aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie -« er packte das
Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: »Kaspar Hauser oder Beispiel eines
Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt ja nach etwas,« sagte er
bitter; »es streut den Leuten von vornherein Sand in die Augen. Aber das Ganze
ist ein Roman, und nicht einmal einer von der besten Sorte.«
    Er blätterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er gleichfalls
höhnisch betont vorlas: »Kaspar Hauser, das rare Exemplar der Gattung Mensch -!
Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner Weisheit zu Ende. Das kommt
mir so vor, als ob man den notorisch schlechtesten meiner Schüler vor
versammeltem Volk als einen großen Gelehrten erklärte. Rares Exemplar! In dem
Punkt weiß ich besser Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da könnte ich einem
verehrlichen Publiko ganz anders die Augen öffnen. Rares Exemplar, gewiss! Aber
man muss nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist also
der große Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm aus, wenn
man ihn aus der Nähe betrachtet! Und nun erst das ganze dynastische
Hintertreppenmärchen! Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!«
    Der Polizeileutnant hörte mit kaum merklichem Lächeln den Ausbruch des
Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmütig: »Was wollen Sie? Als
getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen Streiche unsrer
Herrschaft mit anzusehen. Übrigens kann ich Sie in einer Hinsicht beruhigen. Der
Präsident hat selber keine rechte Freude an dem Büchlein. Er klagt über
Gedächtnisfehler, die ihm dabei passiert sind, und dass es ihn mehr Mühe gekostet
hat, die Geschichte zu Papier zu bringen, denn ein ganzes Korpus juris. Und
jetzt muss ers erleben, dass man ihm draußen im Reich hart zusetzt
