
        
                                 Karl Spitteler
                                     Imago
                            Die Heimkehr des Richters
»Warten mit dem Aussteigen! Warten denn, bis der Zug hält!« »Dienstmann
gefällig? Dienstmann?« So, das wäre jetzt also die Heimat, nach welcher man sich
das Herz aus dem Leibe gesehnt hat! Dem Landjäger, der dort in der Halle
lungert, würde mans auch nicht ansehen. Ich glaube gar, er gähnt. Heimat und
Gähnen!
    »Haben Sie noch Grossgepäck?«
    Ein Bahnhofplatz wie ein anderer; starre Häuser, hart und grau wie überall;
nichts von Purpurschein und Goldschimmer. Waren denn eigentlich früher die
Gassen auch so zugig und leer? Puh, diese Staubwolken! Und was für ein eiskalter
Wind, anfangs September! Vor einem jedenfalls, Viktor, bist du in dieser
steinernen Nüchternheit sicher: vor Liebesanfechtungen. O, keine Gefahr!
    Allein der täppische Dienstmann mit seinem zudringlichen Geschwätz erlaubte
keine Besinnung. »Würden Sie mir vielleicht eine große Gefälligkeit erweisen?«
ersuchte ihn Viktor. »Dann gehen Sie, bitte, langsam, aber ja recht langsam, um
diesen Pfeiler, und zählen Sie genau die Schritte. - Wieviel? Sechs? Gut, ich
danke; und jetzt, wenn Sie einverstanden sind, ziehen wir weiter.« Da fiel dem
Männlein vor Verblüffung der Unterkiefer herunter, dass er auf dem ganzen Wege
kein Wort mehr hervorbrachte.
    Kaum im Gasthof angekommen, verlangte Viktor das Adressbuch. Wie heißt sie
doch gleich, gegenwärtig, die Treulose, mit ihrem angeheirateten Namen? Wyss,
glaube ich, Frau Direktor Wyss. Aber wovon Direktor? Es gibt Eisenbahn-, Bank-,
Gas-, Zement-, Gummi-, alle möglichen und unmöglichen Direktoren. Nun, wir
werdens ja gleich lesen. Richtig, da steht sie; natürlich vorsichtig hinter
ihrem Manne versteckt: Dr. Treugott Wyss, Professor, Direktor des städtischen
Museums und der Kunstschule, Vorstand der kantonalen Bibliothek, Mitglied der
Waisenhauskommission, Münstergasse 6.
    Hu, wieviel Weisheit! was für ein Haufe voll Würden! Eigentümlich, ein
Bankdirektor wäre mir fast lieber gewesen. Zwar also jedenfalls ein
hochgebildeter Herr. Trotzdem - ich weiß nicht warum, es ist nicht meine Schuld
-, ich kann mir diesen braven Ehefriedrich nicht anders als klein, unansehnlich
und ein bisschen unbeholfen vorstellen, ich will nicht gerade sagen komisch.
    Also morgen vormittag Münstergasse sechs. Gelt, schöne Dame, das sagt dir
dein kleiner Finger auch nicht, dass morgen dein Richter naht? Und am folgenden
Morgen zur Besuchsstunde machte er sich nach der Münstergasse auf den Weg.
    Wie sie wohl meinen Anblick bestehen wird? Zweierlei ist möglich. Entweder
sie erbleicht und wankt aus dem Zimmer, oder sie errötet, fasst sich, trotzt mir
