 wenigstens »hübsche, brauchbare« Sachen - Geschenke, Porzellanteller usw.
machen. Das fällt mir natürlich nicht ein, und so bleibt mir nichts übrig, wie
meine alten Stiefel und ähnliches zu malen. Davon hab' ich schon eine ganze
Galerie. - Ich weiß ganz gut, dass meine Mutter mich auf diese Weise zwingen
will, nachzulassen. Aber ich lasse nicht nach.
    Es ist überhaupt ein fortwährender Krieg. »Jedermanns Hand wider jedermann.«
    Mit meinem Vater kann ich auch zu keinem Verständnis mehr kommen, er hat
sich in letzter Zeit mehr um mich gekümmert, aber es ist doch zu spät. Ich kann
mich nicht freundlich mit ihnen stellen, wenn ich sie zugleich fortwährend
hintergehen muss. Und das wieder muss ich, um zu meinem Lebensrecht zu gelangen.
Ein ehrlicher, offener Kampf würde mir gar nichts nützen, sie sperren mich dann
höchstens noch mehr ein.
    Und was das Leben so schön macht, kann nicht schlecht sein. Wo bliebe dann
die Wahrheit? In all dieser verschrobenen Sittlichkeit und Moral ist ja doch
kein Funke davon.
    Ich lese jetzt gerade »Die Frau« von Bebel und Lassalles »Leben«. Was ist
das für ein Kerl, ich bin ganz weg, in den hätte ich mich wahnsinnig verliebt.
Seine Flugschriften will ich jetzt auch lesen, Detlev hat sie ja.
    P.S. Die Mutter hat Detlev gestern gefragt, ob er etwa mit zu diesem
abscheulichen Ibsenklub gehörte, wo die Mädchen mit jungen Männern über
unmoralische Sachen sprächen und zusammen Ibsen läsen. - Sie hat in einer
Gesellschaft davon gehört. Natürlich waren Sven Olafson und die Schwestern
Seebald damit gemeint, aber wer mag den Namen Ibsenklub aufgebracht haben?
    Vielleicht haben wir Detlev jetzt bald so weit, dass ich die alle einmal
kennen lerne. Übrigens hat Mama bei dieser Gelegenheit auch noch gesagt:
»Friedrich Merold ist doch der einzige Nette von deinen Freunden.«
    - Sie scheinen also doch guten Eindruck gemacht zu haben.
                                                                        20. März
Es ist morgens um fünf Uhr - beim Aufwachen fiel mein erster Blick auf die
Blumen von Ihnen, die noch immer blühen. - Ich stehe jetzt immer so früh auf, um
mehr Zeit für mich zu haben, und diese stillen Morgenstunden sind das schönste
am ganzen Tag. Früher in Nevershuus lief ich oft so in der Frühe auf die Wiesen
hinaus und manchmal heimlich durch die Stadt zum Strand. Es war so schön, ganz
allein am Meer zu sein, ich habe oft noch Heimweh danach. Aber was hätte ich für
ein Leben geführt, wenn wir dort geblieben wären - jetzt scheint doch wenigstens
hier und da ein Lichtstrahl durch die Türspalte. Und das tut auch wirklich not.
Gott, was ist das
