 mir ein Heim gründen - als ob dazu nur gehörte, eine Wohnung zu
mieten und Dienstboten zu engagieren. Manch einer näselt dann auch wohl: »Wäre
gerade, was in Berlin fehlt, Haus einer unabhängigen Frau, geistiges Milieu,
neutraler Grund, könnte politisch von Bedeutung werden.«
    Welch einsames, kleines Heim würde das sein, und wie gleichgültig lässt mich
das »geistige Milieu«! Für wen? Für wen? - Mir ist es ganz einerlei, ob mal bei
meinem Begräbnis ein paar »politisch bedeutende« Leute sagen: »Wieder ein
angenehmes Haus weniger - gab doch famose Diners, die Frau « und dann auf die
Uhr schauen und wo anders essen gehen!
    Ja, wenn man jung wäre und die Schwungkraft besäße, die der Glaube an die
Wichtigkeit der Dinge stets verleiht! Aber ich bin müde - nur immer müde.
    Und soziale Ambitionen! - ach, Du lieber Gott!
    Wäre mein Bruder nicht bei mir, ich käme mir ganz verloren vor, denn in
Berlin fühle ich mich so fremd - fremder beinahe als in Amerika oder China!
    Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt, dass es, wenn ich mal wieder nach
Deutschland käme, gar nicht anders sein könne, als dass mich gleich ein wonniges
Heimatsgefühl umfange - und nun ist alles so ganz anders, als ich es mir in der
Ferne dachte! Es ist ja immer alles im Leben anders, als man es sich dachte -
aber nie schöner!
    Seit ich in Deutschland bin, warte ich beständig auf das Erwachen meines
Heimatsgefühls - aber es bleibt immer noch aus. Ich hatte viel Hoffnungen auf
den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt. Aber vergeblich. Dass die Allee mit
den Kurfürsten und sonstigen großen Männern es nicht weckte, ist nicht zu
verwundern, denn die war mir gänzlich neu. Hat mir nur bewiesen, dass mich als
Kind ein richtiger Instinkt leitete, wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht
wehrte - die Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht
feststehend.
    Hier im Hotel Buckingham, Unter den Linden, wo wir wohnen, weil es
Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben, werde ich sicher auch nicht zum
Bewusstsein einer Heimat gelangen.
    Mit meinem fortwährenden Suchen nach Heimatsgefühl komme ich mir halb
rührend, halb komisch vor, etwa so, wie der im heiligen Lande nach seinem
verlorenen Glauben suchende Pierre Loti. Aber fürchten Sie nichts, lieber
Freund, ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch darüber schreiben! Ich bin
nämlich viel schneller als Loti zu einer Erklärung der Vergeblichkeit unseres
Suchens gekommen. Ich fürchte, er wie ich sind zu lange fortgeblieben, er von
den Stätten des Glaubens, ich von denen der Jugend - für Glauben und für Heimat
gibt es vielleicht
