? Wenn man eine Sealskin-Jacke trägt, erscheint solch behaglicher
Glaube immer unanfechtbar.
    Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an ähnliche in Peking
verlebte Wintertage. Besonders eines Rittes musste ich gedenken, den wir jetzt
vor einem Jahre dort gemacht. Da war es auch so kalt, wie heute hier. Der Wind
kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht, so eisig, als könne es nie
wieder Frühling werden. Der Weg dehnte sich endlos an der grauen Stadtmauer
entlang. Die Türme mit den verfallenen grünen Kacheldächern standen dräuend
gegen den fahlen Winterhimmel. Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee.
Krähen flohen krächzend vor dem Wind.
    Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen dies
kleine Gedicht, das mir dabei in den Sinn kam:
An den hohen Mauern der Stadt
Ritten wir beide schweigend,
Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,
Horchten im Schnee auf das Schrei'n
                                                            Der schwarzen Vögel.
Längst verließ ich dich, graue Stadt,
Wandre allein nun schweigend,
Habe keinem mein Leiden geklagt,
Nur in der einsamen Seele schrei'n
                                                            Die schwarzen Vögel.
Wie so oft in Peking, war mir an jenem Tage, als sei die ganze Welt erstarrt in
Angst, als harre sie atemlos, Unbekanntem, Unheimlichem. - Stadt des Leidens,
Stadt des Verhängnisses habe ich Peking oft genannt - und doch liebe ich die
graue, düstere Stadt. Ich habe jetzt oftmals ganz deutlich die Empfindung, als
gehöre ich ihr, als hielte sie mich für ewig, so fern ich ihr auch räumlich bin.
    Ich fürchte, ich bin wie alle Leute geworden, die in Peking gelebt haben und
es nachher nicht mehr lassen können, immerwährend darüber zu reden oder zu
schreiben.
    Das ist die Rache, die China an den weißen Menschen nimmt dafür, dass sie
beinahe alle doch nur deshalb hingehen, um ihm ein Stückchen seines Bodens oder
sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen-schließlich sind sie es, die
von China absorbiert werden.
    Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren, lieber Freund!
 
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                                                         New York, Februar 1900.
Lieber Freund, meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist mir recht
schlecht bekommen. Ich bin seitdem krank gewesen an Husten und Fieber. Husten
und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die Meilensteine, die an meinem
Lebensweg stehen. Schließlich wird solch Meilenstein zu einem Kreuzchen werden.
Und wohin der Weg dann weiter geht und ob es überhaupt noch einen gibt, das
weiß man nicht.
    Es geht mir aber jetzt schon ein bisschen besser. Ich liege auf dem Sofa am
Kamin. Die weiße tibetanische Ziegenfelldecke, die Sie kennen, ist über mich
gebreitet. Ta geht mit bekümmertem Gesicht ein und aus. Ich
