 Und Ihr »Nächstbestes«, lieber Freund, war immer noch so
viel reicher und zarter, so viel sorgender als alles, was andere Menschen als
höchstes Glück zu geben vermögen; Sie haben mich so sehr verwöhnt, dass ich mir
jetzt oft ganz verlassen vorkomme.
    Auf dass Ihnen aber die Lektüre dieses Briefes nicht schlecht bekomme und
Sie nicht etwa dem Hochmutsteufelchen verfallen, werde ich gleich hinzusetzen,
dass ich immer etwas am großen Heimweh der Vergangenheit leide, und dass, wenn
man mehrere Jahre in einem so eigenartigen Ort wie Peking gelebt und dort Wurzel
gefasst hat, es schwer fällt, in einer so absolut entgegengesetzten Welt wie New
York heimisch zu werden. Wer sich in Brüssel wohl fühlt, dem wird auch Paris
gefallen, wer sich in Dresden eingelebt, der wird es auch in München fertig
bringen. - Da sind keine weltentrennende Rassen- und Anschauungsgegensätze zu
überwinden. Wer aber den Osten wirklich mal kennt und liebt, der passt nicht
mehr in diese westliche Welt. Man staunt sie an, sagt sich wohl auch mit dem
Verstand, dass ihr das neue Jahrhundert gehören wird, aber man wird in ihr nie
mehr heimisch, man fühlt sich in stetem Widerspruch. - Wie mag es nur Kipling,
dieser große Orientale, hier je ausgehalten haben! Wie sehr kann ich ihm das
Heimweh nach dem Osten nachempfinden, das wie ein Moll-Leitmotiv der Sehnsucht
durch seine Werke zittert - unverständlich für die, deren beste Jahre nicht
jenseits Suez gelebt wurden.
    Ich muss heute soviel an manche englische Beamte denken, die ich vor Jahren
in Indien gekannt und dann pensioniert und gealtert in irgend einem Städtchen
Englands wiedergesehen habe. Dort in Indien hatten sie viel räsonniert, über
Klima, Natives und Silberkurs, aber trotz aller Klagen fühlten sie sich doch
immer als Götter, wenn auch nur als Achtel-, Viertel-oder Halbgötter; und es
waren doch, ohne dass sie es recht wussten, ihre glücklichsten Jahre gewesen,
die sie dort verlebt - man ist ja meist glücklich, ohne es zu wissen, und merkt,
dass man es war, daran, dass man aufhört es zu sein. In Bat oder Torquay, unter
grauem Himmel, in engen Zimmern, mit einer ungeschickten, schlecht kochenden
Mary Ann, der sie nie einen hindustanischen Fluch nachschmettern durften,
umgeben von lauter Leuten, die nichts wussten von der Gottgleichheit, die jedem
weißen Sahib in den Städten auf »abad« oder »epore« zu eigen ist, da verstanden
die Armen es erst ganz, wie schön es einst gewesen; und das große Heimweh nach
dem Osten schlich sich in ihre Herzen und nistete sich fest ein.
    Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen
Beamten!
