 Ihre Stimme. - Dann geht ein
Zittern durch mich, der Atem stockt, die Herzschläge fliegen, und ich schließe
die Augen und lausche in namenlosem Glück.
    Bald, bald muss es ja sein. Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte achten
können und nur immer den lieben Klang trinken. Wie lang ist es doch schon her!
Wissen Sie es noch? Haben Sie sich auch so unsagbar, so unaussprechlich gesehnt?
So wie ich gesehnt?
    Aber in wenigen Tagen muss ja die furchtbare Angst und Trennungszeit vorüber
sein. Bald, bald müssen die Befreier vor Peking stehen.
    Nicht wahr, liebster Freund, dann kommen Sie auch gleich, gleich! auf dem
schnellsten Schiff, auf dem kürzesten Weg - ich kann es ja nicht länger
ertragen.
    Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften? Mögen die doch
alle untergehen! Ich gebe Ihnen dafür mein ganzes Herz, darin zu lesen, und was
in ihm steht, ist auch schon alt, ist nicht schwer zu enträtseln und dünkt mich
eine so jugendschöne Entdeckung.
    Was kümmert Sie noch China? Mag doch der Norden mit Wutki und der Süden mit
Ale verzehrt werden, mögen sich die jüngeren Hungernden auch noch jeder seinen
kleinen Imbiss zusammenstehlen, aus den Krümeln, die von den Mahlzeiten der
älteren, erfahrenen Weltenräuber abfallen - oder mag es zu gar keinem Muspili
kommen, sondern alles hübsch im Sande verlaufen, wie man es hier möchte, wo der
Wunsch to be well out of it schon laut wird - mag man in ein paar Monaten schon
wieder von den unerschütterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der
alten Kaiserin die Hand schütteln - was kümmert es uns?
    Kommen Sie nur bald, bald von dort zu mir. Dann mag es meinethalben China
für die Chinesen heißen - wenn nur China mir Sie zurückgibt, wenn nur wir beide
für einander sein können!
 
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                                                      Bay View, 12. August 1900.
Alte Briefe der Belagerten treffen jetzt allmählich in Tientsin ein und werden
in den Zeitungstelegrammen veröffentlicht. Sie sind von Boten gebracht worden,
chinesischen Christen, denen es gelang, durch die Schleusen, oder selbst als
Boxer verkleidet, im Gedränge heimlich aus Peking zu entweichen. Wahre
Notschreie sind es, bei denen das Herz sich zusammenkrampft! Und immer dieselbe
Bitte »rasche Hilfe, sonst kann sie nichts mehr nützen.«
    In manchen der kleinen Zettel ist angegeben, für wie viel Tage der Proviant
noch reichen könne, und man rechnet rasch nach - und oft ist die Frist schon
überschritten.
    Eine Zahl enthalten die Briefe auch immer - die der Toten.
    Und wie sie mit jedem neueren Briefe wächst, diese Zahl derjenigen, für die
alle Hilfe zu spät kommen wird!
    Und die Angst - wer ist schon mitgezählt worden
