 die bäuerliche Tätigkeit zusage, sehe ich sogar etwas Entwürdigendes. Du
willst mich für ewig hinunterdrücken, Séfine. Aber ich, ich werde mich erheben
und Missionar werden! Ich kenne die Sünde, ich kann also vor ihr warnen, ich
freue mich darauf, unter Sündern zu sein! Aus gewissen Andeutungen deines Alten
schließe ich, dass es geraten ist, auch Léon und Albert in mein Gebet
einzuschliessen. Charmante Familie! Wahrlich, wir brauchen unter uns einen, der
zur Busse posaunt! Und dieser eine wird sein
                                                          dein gehorsamer Diener
                                                                        Georges.
    PS. Möglich, dass ich katholisch werde, wenn die Umstände es erfordern - mich
bekreuzigen kann ich schon.
                          Rösi an ihre Mutter Josefine
Meine einzige Mama!
    Ich danke dir, dass du mich hierher nach Weggis gebracht hast, und dass ich
bei Laure Anaise sein darf. Laure Anaise ist eine schöne Frau, und ihr Mann ist
nicht so schön, weil er zu klein ist. Ich möchte auch solch einen Mann haben, er
ist so lieb mit Laure Anaise, und der Bubi kreischt vor Freude, wenn er ihn
sieht, aber etwas größer möchte ich ihn haben, den Meinen. Doch das hat noch
lange Zeit, und oft denke ich, ich möchte gar nicht groß werden, lieber klein
bleiben und eine Nixe werden im Vierwaldstättersee. Hätte ich nur blondes Haar,
meine Mama, eine Nixe mit schwarzem Haar gibt es nicht, oder? Dann käme ich
heraus auf den blauen Felsen, wenn der Mond scheint, und er scheint gerade
jetzt, und es ist so wonnig, dir ohne Lampe im Mondschein zu schreiben.
Gegenüber ist der blaue Felsen, und das soll mein Platz sein, es ist nicht so
schön, wenn er leer ist.
    Wenn ich eine Nixe wäre, könnte ich auch singen, und ich weiß ein Lied,
meine Allersüsse, und das macht mich so traurig. In Laure Anaises Garten stehen
viele Rosenbäumchen, und eins war so schön, und es ist plötzlich gestorben. Ich
weiß nicht warum, und niemand weiß warum. Am Morgen sah ich, dass die
halboffenen, großen, weißen Rosen ganz ruhig wie immer an dem Zweig hängen, aber
die kleinen, jungen Knospen und die kleinsten bräunlichen Blätter sind so weich,
ganz schlaff. Ich dachte zuerst an die Schlafblumen, die du uns früher gezeigt
hast, an die Akazien, die nachts ihre Blättli zusammenfalten wie kleine Hände,
die beten. Kann es nicht sein, dass ein Rosenbäumchen auch einmal schläfrig ist?
Vielleicht hat es die ganze Nacht in den Mond gesehen, oder der Wind hat soviel
zu erzählen gehabt, oder es macht auch müde, wenn die großen Hummeln so laut um
seine Ohren summen. Ich wollte die
