 sprang auf und trat an den Tisch.
    »Meine Herren« - seine Stimme klang fest - »auch ich bin ein Wiener Wähler
und bin auch schon selber Kandidat gewesen - mein Name ist - doch der Name tut
nichts zur Sache. Wollen Sie mir gestatten, ein Wort zu sagen?«
    »Wer san mer denn?« »A schöner Herr.« - »Hoffentlich a Spezi.« - »No, so
reden S'« tönte es von verschiedenen Seiten.
    »Ich bin kein Spezi, wenn Sie darunter einen Gesinnungsgenossen verstehen.
Aber da Sie« - er wandte sich an den Gefeierten - »im Abgeordnetenhaus auch
Gegner finden werden, so werden Sie es wohl vertragen, dass einer Ihnen hier
entgegentrete.«
    »Also a Liberaler, o je!« rief der Angeredete. »Aber nur heraus mit der
Sprach.« Und er nahm eine parlamentarische Haltung an, indem er die Hand in den
Westenausschnitt schob.
    »Ein Liberaler?« wiederholte Rudolf. »Ich weiß nicht recht, was Sie unter
dieser Bezeichnung verstehen. Einfach als Mensch möchte ich sagen, dass es im
tiefsten Grade traurig ist, wenn eine Parole des Hasses und der Verfolgung den
Ausgangs- und Zielpunkt einer politischen Aktion darstellt -«
    »Oho,« rief jemand. »Se san wohl selber a Jud.«
    »Zufällig nicht -«
    »Nachher a Judenknecht, a bezahlter. Da haben's hier nix zu schaffen, in
einer G'sellschaft von redliche Antisemiten. - Schauen's dass weiter kommen.«
    Rudolf verschränkte die Arme. Er war totenbleich, aber nicht vor Angst,
sondern vor innerer Empörung.
    »Gut,« sagte er, »ich versetze mich einen Augenblick an Ihre Stelle. Sie
sind Antisemiten. Der Titel ist ja sehr gut getragen. Nicht nur unter einfachen
Bürgersleuten wie Sie, auch in hohen und höchsten Kreisen ist die Sorte
vertreten, und auch Gelehrte und Professoren verteidigen diese Anschauung von
allerlei etnographischen und nationalökonomischen Standpunkten, aber Sie, Sie
bringen, wie ich sehe, nur Ihr Temperament mit - nur so ein Stückchen gesunden
Hass und Verachtung - bitte sagen Sie mir also, wie wollen Sie Ihr Programm
ausführen? Was soll denn mit den Juden geschehen?«
    »Was mit ihnen g'schehen soll? Nach Palästina jagen oder umbringen kann
man's leider nit. Aber verhindern kann man's, dass Richter oder Lehrer werd'n -
nix kaufen soll man in die jüdischen G'schäft - und wenn mögli, die Güter von
die Reichen - von die Rotschilds und dergleichen - einziehn. Und kann Umgang mit
ihnen haben - auch mit die Getauften nit -«
    Ein anderer fiel jetzt ein
