 Bezeichnung zu! Das fühle ich jetzt
ganz deutlich. Rokoko bin ich zwar nicht, auch der Metternich-Ära bin ich
entwachsen und unter unseren reaktionären kirchen- und militärfrommen Kreisen
gebe ich die neuerungskühnste Aufwieglerin ab - aber der wirklichen Modernität
gegenüber stehe ich da kopfschüttelnd, auffassungslos. Ästeten, Dekadenten -
Übermensch - the new woman ... Ich sehe wohl, dass eine ganz neue Geschmacksflora
(in der sich auch eine absonderliche Typenfauna zu regen beginnt) um mich her
aufspriesst - eine Kunst, neuer Stil, neue Sensationen - aber verstehen, mich
damit identifizieren, das will nicht gehen. Wenigstens nicht so schnell. Ich
versuche es ja, denn mein Entwicklungsglaube schützt mich vor dem bei alten
Leuten gebräuchlichen Widerstand gegen das Neue; dass aber alles Neue auch das
Bessere sein müsse - wie so viele junge Leute meinen - vor diesem Glauben
schützt mich die Erkenntnis, dass so manches, was da auftaucht, nur vergängliche
Mode oder krankhafte Entartung ist. Oder auch eine Übergangsform, aus der - -
    So weit hatte Marta geschrieben, als sie mit der Meldung unterbrochen
wurde, Graf Delnitzky frage, ob die Frau Baronin ihn empfangen könne.
    Marta bejahte, unangenehm überrascht. Toni hatte nicht die Gewohnheit,
seiner Schwiegermutter ohne Anlass Besuche zu machen und unter den obwaltenden
Umständen war der Anlass vermutlich ein unerfreulicher.
    Und richtig. »Ich bin gekommen,« sagte er nach der ersten Begrüßung und
nachdem er sich gesetzt, »um in einer recht peinlichen Angelegenheit -« Er
stockte. Marta kam ihm nicht zu Hilfe. Sie blickte nur fragend auf. »Sylvia
wird Dir ja neulich gesagt haben,« hub er wieder an, »was es zwischen uns für
eine Auseinandersetzung gegeben ... Ich möchte wissen, was sie Dir erzählt hat
und was Du ausgerichtet hast ... Du bist doch gewiss auch dafür, dass dieser Sache
mit dem Herrn Teaterdichter ein Ende gemacht werden soll -«
    »Welcher Sache?«
    »Ach, tu' doch nicht so ... Weißt Du denn nicht, dass die Leute schon reden
-?«
    »Die Leute reden mancherlei. Auch über Dich.«
    »Das hat mir Sylvia auch geantwortet - als ob es dasselbe wäre, was man von
einem Mann erzählt, oder von einer Frau. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied
...«
    »Die Ungerechtigkeit dieses Unterschieds fängt mir zu dämmern an.«
    »Es ist schon so.«
    »Ja, mit diesem Satz glaubt man allen Widerspruch abzuschneiden ... ich hab'
ihn auch angewendet. Aber man sollte eher sagen: es ist noch so. Doch, es wird
nicht so bleiben. Der Anspruch der Frau auf die Treue ihres Gatten wird
