 beiden als Pflaumendieb überfallen
wurde. Was mag sie ihm erzählen, die ebenso Kind wie er geblieben ist? Hat doch
der Ustad es erreicht, seine früher unbotmässigen Dschamikun in wohlerzogene,
dankbare Kinder zu verwandeln! Mit welchen Mitteln hat er das fertig gebracht?
Mit Hilfe jener Fee, welche keine Gewalttat kennt und doch alle Menschen
zwingt: sie heißt - - die Güte! Aber mit welchen andern Mächten mag er gerungen
haben, um sie in sich abzutöten, ehe er den Weg nach diesen seinen Bergen fand!
Es sei ihm nichts, gar nichts erspart geblieben, sagte er. Nun aber war es
glücklich überwunden. Warum geben unsere Dichter solchen Lebenskämpfen fast
immer einen tragischen Schluss? Kennen sie unsern Herrgott nicht? Die Erdenbühne,
für welche er seine Gestalten schafft und, wie es scheint, nach freiem Willen
handeln lässt, kennt die Tragik nur als kurze Episode. So ist auch das, was der
befangene Mensch für ein Lustspiel, einen Schwank oder gar für eine Farce hält,
nichts weiter, als eine vom Schauspieler eigenmächtig extemporierte Szene,
welche der unbestechliche Regisseur sehr bald zu rügen weiß. Auf dieser Bühne
geht niemand tragisch unter. Wer in dem einen Akt am Boden zu liegen scheint,
darf sich im nächsten zum neuen Kampf erheben. Und wenn für ihn nach endlich
errungenem Siege die letzte Erdenscene kommt, so hält der Dichter selbst den
Kranz für ihn bereit.
    Ich saß hier - um mich des Bühnenjargon zu bedienen - vor den pietätvoll
aufbewahrten Requisiten mir unbekannter Leidensscenen. Warum war es grad mir
erlaubt, sie zu berühren? Weil ich Marah Durimeh kannte? Weil der Ustad Grund zu
haben glaubte, anzunehmen, dass ich, so wie er, durch die Schule der Leiden zu
gehen haben werde? Es musste noch einen andern, dritten Grund haben, den ich aber
jetzt wohl noch nicht wissen durfte. Ich verzichtete darauf, über ihn
nachzudenken. Wer so weitausschauend ist, den Berg mit jenem Amen sagenden
Alabasterzelt zu krönen, der weiß auch wohl, wann die rechte Zeit, zu sprechen,
gekommen ist.
    War denn schon eine Stunde vorüber? Wohl kaum eine halbe. Aber Pekala hatte
es nicht länger ausgehalten. Sie kam jetzt mit ihrem Tifl wieder und sagte,
jedenfalls um ihre zu schnelle Rückkehr zu entschuldigen:
    »Effendi, du musst nun schnell essen. Kara Ben Halef ritt nach Hause, um beim
Vater zu bleiben, damit seine Mutter zum Beit-y-Chodeh kommen könne. Sie ist da
und fragt nach dir. Sie möchte dich gern bei sich haben.«
    Ich brauchte die dienstfertige »Festjungfrau« eigentlich gar nicht; es lag
ja alles bei der Hand. Aber sie ließ es sich nun einmal nicht nehmen,
