
gewiss nach und nach immer fremder geworden, bis wir uns gar nicht mehr gekannt
hätten, da aber trat ein Ereignis ein, durch welches die Verschiedenheit unserer
Gestalten vollständig und für immer ausgeglichen wurde. Weißt du, dass der Islam
den Wein verbietet, Effendi? Der Kuran will es so.«
    »Nein; der Kuran will es anders.«
    »Wieso? Ich verstehe dich nicht.«
    »Die betreffende Stelle lautet: Alles, was betrunken macht, sei untersagt!
Also ist jeder betäubende Trank verboten, nicht aber der Wein besonders, falls
man ihn so genießt, dass man nüchtern bleibt.«
    »Du magst recht haben. Aber ein kluger Muselmann hütet sich lieber gleich
ganz vor ihm, weil der Betrunkene nicht eher von dieser seiner Betrunkenheit
etwas weiß, als bis er wieder nüchtern ist. Dann macht ihm die Trübsal seines
Jammers nicht nur dieses eine Wort, sondern den ganzen Kuran plötzlich heilig!
Aber der Schah-in-Schah hat zuweilen Gäste, welche nicht Muhammedaner sind. Er
muss ihnen Wein geben, wenn sie bei ihm speisen. Darum gibt es einen Kabu111, in
welchem viele, viele Flaschen aufbewahrt werden, die bis zu den Hälsen herauf
voll von den verschiedenen Betrunkenheiten sind. Der Weg von meiner Küche nach
diesem Kabu war gar nicht weit, und es kam zuweilen vor, dass die Tür zu diesen
Flaschen offen stand. Was glaubst du wohl, Effendi, was nun geschehen wird?«
    »Tifl verläuft sich in den Keller!«
    »Maschallah! Woher weißt du das?«
    »Ich vermute es.«
    »Er hat es dir nicht erzählt?«
    »Nein.«
    »Das würde mich auch wundern, denn er spricht nie davon. Denn seine Scham
über das, was er dort tat, ist größer, als der ganze Keller ist! Aber so
schnell, wie du denkst, geht das nicht. Ich muss es dir genau der Reihe nach
erzählen. Das Kind hatte am Mittag bei mir gegessen, ich weiß noch ganz genau,
was für Speisen und wieviel. Soll ich es dir sagen?«
    »Nein, ich danke dir.«
    »Ich hatte auch Dattelbrühe gemacht, über den dicken Reis zu gießen. Die war
ihm zu dünn. Er zankte. Ich zankte wieder. Er wurde noch zorniger; ich auch. Er
saß am Boden, und weil er da nicht länger war als ich, so benützte ich das sehr
eilig und geschickt und stülpte ihm den ganzen Topf mitsamt der Dattelbrühe über
den Kopf. Sie lief ihm in die Augen, in die Ohren, in die Nase, in den Mund. Er
begann zu schreien, zu husten, zu niesen. Der Topf
