 Sie haben mich gewiss nicht richtig verstanden.
Ich käme ja nur allzugern, aber gerade am Dienstag hat Lena, meine Schwester,
keinen Abenddienst. Ich weiß nicht, ob Sie davon wissen - wir sind beide so
ganz fremd in Berlin - haben noch keinen Familienanschluss, und da kann ich Lena
doch hier nicht so allein sitzen lassen. - Wäre es vielleicht am Mittwoch
gestattet, da ist Lena bis 9 Uhr auf dem Amt -«
    Frau Wohlgebrecht hatte sich längst wieder gesetzt. Sie schmunzelte vergnügt
vor sich hin. Das war so ganz nach dem Sinn der gutherzigen Frau, gleich zwei
armen Dingern einen angenehmen und billigen Abend zu verschaffen, und dazu ihrem
Gerhart ein doppeltes Vergnügen. Denn dass der Strick lieber zwei Zuhörerinnen
für seine Poesien haben würde, als eine, das wusste sie im voraus.
    »Bis Mittwoch warten? Wo denken Sie hin, Fräulein?
    Es bleibt bei Dienstag und Sie bringen Ihre Schwester mit. Abgemacht.«
    Frau Wohlgebrecht hielt Lena die Hand hin.
    »Schlagen Sie ein, und auf gute Nachbarschaft.«
    »Was hat Ihnen mein Neffe denn mitgegeben?«
    »Lieder eines Modernen.«
    Sie schob das Buch geringschätzig bei Seite.
    »Auf diesem Punkt ist nichts mit ihm anzufangen. Nichts geht ihm über das
Moderne, und in seinen eigenen Werken -«
    Lotte wurde wieder einmal dunkelrot, diesmal vor freudiger Überraschung.
    »Herr Schmittlein dichtet auch selbst?«
    Frau Wohlgebrecht legte ihren dicken Zeigefinger über die Lippen.
    »Pst, Fräuleinchen, im tiefsten Vertrauen will ich's Ihnen erzählen, er
dichtet nicht nur, er ist sogar ein großes Talent. Gedruckt ist freilich noch
nichts von ihm, aber passen Sie auf, es wird, es wird. Ich seh' es schon, wie
die Kundschaft, die er mir ja schon ganz aufs Moderne dressiert hat, ob sie will
oder nicht, nichts anderes fordern kommt, als Schmittlein und wieder
Schmittlein. Und geben Sie 'mal Acht, wenn dann in den Zeitungen große Artikel
über ihn stehen, dann wird es auch heißen, seine Tante, die Wohlgebrecht, die
hat ihn eigentlich entdeckt. Sie glauben nicht, Fräulein, was ich mit dem Jungen
schon alles durchgemacht habe, aber er lohnt mirs, er lohnts, passen Sie auf.
Als sechsjährigen Bengel hab' ich ihn schon bei mir gehabt, denn die Mutter,
meine Schwester selig, war immer krank. Da ich nichts eigenes Kleines hatte,
tat ich's ja auch nur allzugern. Nachher, wie gar nichts aus ihm wurde und er
durchaus zum Theater wollte, worüber der Schwager rein wild war, hab' ich ihn
wieder zu mir genommen, das war nach dem Tode meines Seligen. Ich
