 endlich geschrieben! Ich habe geweint, als der Brief
da war, ich hatte mich sehr um sie geängstigt. Sie war wirklich krank gewesen,
hatte das Geld nicht abschicken können. Jetzt hab' ich für zwei Monate bekommen!
Ausgezeichnet, dass ich im August so wenig verbraucht habe. Ich brauche dringend
Bücher jetzt. In Bezug auf das Examengeld für die Matura schreibt Mama nichts.
Vielleicht hat sie die Stelle in meinem Brief übersehen? Es sind überhaupt nur
wenige Worte, ihr Brief. Ach, hätt' ich einmal ausstudiert! - -
    Ich sollte doch eigentlich schon abgehärtet sein, aber ich bin noch etwas
schwach von der erlittenen Angst. Nachträglich scheint es mir geradezu
erbärmlich und unwürdig, dass ich fast nichts gearbeitet habe diese ganzen
Wochen. Woran hab' ich denn nur beständig gedacht? denken müssen? dass ich kein
Geld habe? dass die Leute auf der Straße es mir ansehen? dass meine Wirtin mich
bemitleidet?
    Nein, nein, nicht den ganzen Tag hab' ich mich mit diesen kleinlichen Nöten
beschäftigt, es ist nicht wahr. Ich habe geträumt und gedacht, nur leider nicht
an meine Arbeit! -
    So reizende Witze hat uns die Natur vorgemacht, so geistvolle Vorbilder
schafft uns das Tierreich - - warum machen wir nicht die Nutzanwendung auf die
Menschheit? Wie verstehen es diese klugen Ameisen, zum Beispiel die Talente der
Einzelnen für die Gesamtheit zu verwerten! Da gibt es eine Art in Kolumbia,
glaub' ich, aber vielleicht ist es auch nicht in Kolumbia, die füttern einige
besonders fressgierige Mitbrüder, bis sich ihr kleiner Vormagen rundet und
rundet, zu Traubengrösse anschwillt, und das honiggefüllte Tierchen selbst, eine
lebendige Speisekammer, wird für Volkshungersnöte sorgsam aufgehoben und
bewacht. Tritt die schlimme Zeit ein, dann entlockt man dem stumpfsinnig
Hockenden sanft streichelnd den ganzen Vorrat; das Volk wird satt, das Unglück
ist abgewendet. Der gefrässige Mitbruder, wieder regsam und schlank, ist der
einzig Betrübte, aber nicht lang, denn alsbald erhält er Auftrag, eine neue
Million zu sammeln! Ja, an die Millionäre unter uns Menschen dacht' ich sofort.
Auch sie sind einseitig begabt, und diese Begabung sollte aus einem Schaden für
die übrige Menschheit in Segen verwandelt werden, ganz wie bei den Ameisen. Der
habsüchtige, skrupellose Millionenjäger wird von der Gesellschaft in Dienst
genommen. Er saugt und pumpt seinen Vormagen oder seinen Geldschrank voll;
sofort danach nimmt man ihm, ebenfalls sanft streichelnd, das gesammelte
Milliönchen weg und verwendet es für alle. Ihn aber überlässt man getrost seinem
Instinkt, eine neue zu sammeln und braucht nur die Vorsicht, seine Zelle unter
guter Bewachung zu halten; kann man sich etwas Einfacheres und Netteres denken?
Er ist zufrieden, denn
