 Christentum eben dieses vermeintlichen Mangels
wegen, als bedeutungslos für die Wirklichkeit, ja wohl gar als schädlich und
entwicklungshemmend darstellte, und dieses Zerrbild mit dem vergessenen Original
verwechselnd, die Religion der Liebe als Feindin bekämpfte!
    Trauriger hat sich wohl nie ein Mensch verirrt, als diese sich verirrten!
    Man brauchte nur die Evangelien aufzuschlagen, um zu finden, aber man schlug
nicht auf, man suchte nicht, sondern man verachtete und bekämpfte.
    Ein Rechtsleben, gestützt auf das Christentum und seine Lehre von der
Bruderliebe, von der schrankenlosen Vergebung, von der gegenseitigen
Verantwortlichkeit - oh, es ist gar nicht abzusehen, nicht auszudenken, wo wir
heute stünden, wenn wir wirklich Christen geworden wären, statt, auf heidnisches
Recht pochend, nach wie vor in heidnischem Egoismus dem Eigentum als dem
alleinigen Gott dieser Welt zu dienen und es anzubeten, und ihm, dem goldenen
Kalbe, blutige Menschenopfer zu bringen und das Opfer alles dessen, was uns über
das Tier und seine Begierden hinaushebt! - - -
    Ganz fröhlich macht mich der Gedanke, dass ich nun weiß, warum alles so
verrenkt und verbogen, so ungerecht und traurig ist, so roh und blutig und
gemein! Wir haben heute noch kein Christentum, aber es steht da vor uns, das
unantastbare Ideal, und alle, alle müssen inne werden, dass wir danach zu
streben haben, als nach dem einzigen Mittel der Erlösung.
    10. August. Kein Brief von Mama, kein Geld. Seit zehn Tagen kein warmes
Mittagessen. Aber das schadet jetzt wenig, denn es ist heiß, man hat keinen
Hunger, am wenigsten auf Fleisch. Meine Wirtin ist so gut, - ich gehe regelmäßig
fort zur Mittagszeit, auch wenn ich nur ein paar Brötchen und Eier kaufe, sonst
merkt sie etwas und fragt. Sie wollte mir schon gestern Suppe bringen.
    16. August. Kein Brief, kein Geld! Was jetzt? Heute habe ich fast nichts
arbeiten können. Wer weiß, was dort geschehen ist. Ich sorge mich auch so sehr
um Mama. Was jetzt?
    20. August. Ich habe meine Uhr versetzt. Es fiel mir noch zu rechter Zeit
ein. Jetzt, in den Ferien kann ich sie recht gut entbehren. Für Uhr und Kette
hab' ich achtundvierzig Franken bekommen, das ist etwas; achtunddreissig fürs
Mittagessen, vorigen Monat, hab' ich wenigstens bezahlen können; diesen Monat
geh' ich keinenfalls mehr hin; Brot, Eier, Milch, etwas Obst - man wird sehr gut
satt davon. Wenn ich nur wüsste, was zu Hause passiert ist! Zweimal hab' ich
geschrieben, jetzt wag' ich's nicht mehr......
    1. September. Mama hat
