 hat man uns klein gemacht und uns dann
höhnend vorgehalten: des Hauses enge Grenzen, das sei unsere ganze Welt. Und die
Schuld der Unterdrücker ist die Mitschuld der Unterdrückten geworden. Indem
wir's uns so lang haben gefallen lassen, sind wir schlaff, träg, kleinlich,
kurzsichtig, oberflächlich und listig geworden. Wir haben unsere Ketten sogar
lieb gewonnen, wir finden uns anmutig in unserer Unselbständigkeit. Wir sind
eitel auf Dinge, die man im Laden kauft. Nein, nein, so wie wir da sind, taugen
wir gewiss nicht viel. Aber wir werden uns aufraffen! Wir werden uns auf uns
selber besinnen. Unserer gottverliehenen Kräfte werden wir gedenken, und die
Ketten werden wir abstreifen. Dann wird der Himmelsfunke hell hervorlodern. So
und so viele Intelligenzen mehr, so und so viele Menschen mit gutem Willen mehr
- das ist doch wertvoll! Das muss doch etwas ausmachen. Das muss man doch
ernstlich in Betracht ziehen! Ist denn bis jetzt solch ein Überschuss an gutem
Willen in der Gesellschaft vorhanden, dass man uns alle nicht mehr nötig hat?
Nein, es gibt unendlich viel zu helfen, und die Helferinnen werden wir sein!
    Ach, verschmäht doch unsere Mitarbeit nicht! verschmäht unsern guten Willen
nicht!
    20. April. Ich bin ganz zufrieden jetzt und vergnügt. Wir tun Kulturarbeit,
gradezu in ausgeprägtem Masse Kulturarbeit, indem wir uns selbst zu kultivieren
suchen. Und wir Frauen müssen diese unsere eigenste Sache in unsere eigenen
Hände nehmen, denn unsere Männer haben zuviel mit der Kultivierung der Schwarzen
und Braunen zu tun. Schulen für deutsche Mädchen sind ihnen weniger wichtig,
als Schulen für deutsche Neger. Wie innig gerührt würde man höheren Orts sein,
wenn die Kameruner sich ein Gymnasium ausbäten! Gewiss käme man diesem
fortschrittlichen Streben mit Huld und Bereitwilligkeit entgegen. Unseren
schwarzen Brüdern würde man auf's Wort glauben, dass »ein Bedürfnis nach höherer
Bildung bei ihnen entstanden ist«, unsere weißen Schwestern fertigt man mit
schlechten Witzen ab!
    Oh, ich bin sehr froh und vergnügt jetzt, ich bin jetzt vollkommen
überzeugt, dass die höhere Kulturstufe auch für uns noch errungen werden kann.
Wir sind ja in Bezug auf die Gleichberechtigung der Frau doch schon ziemlich
viel weiter als zum Beispiel die Samojeden. Bei den Samojeden gilt die Frau für
ein unreines Wesen und darf in Gegenwart des Mannes nicht essen. Bei allen rohen
Völkern, deren höchstes Gut Körperkraft ist, sehen wir das Gleiche oder doch
Ähnliches. Wir sind nicht mehr auf der Samojedenstufe, aber so schrecklich weit
über sie hinaus sind wir auch noch nicht. In einem Soldatenlande kann die Frau
nicht als gleichberechtigt angesehen werden, einfach deshalb, weil sie nicht
einmal Gemeine wird! Wir haben sehr
