! es wird Morgen! Heute
ist mein erstes Kolleg! -
    30. Oktober. Nach den ersten Kollegien.
    Was ich gelernt, gelesen, gedacht, - all' das zerfliegt wie leere Spreu! Ich
bin so unwissend! ich bin so weit zurück! ich bin so schlecht vorbereitet! Ich
bin so dumm! so kindisch dumm!
    Ich soll mit bloßen Füßen auf scharfen Dornen gehen! Harte Tatsachen starren
mir entgegen, wo ich von himmelhohen Gedanken träumte! Ist die Wissenschaft so
etwas Plastisches? Konkretes? Aber das hab' ich ja gar nicht gewusst!
    Im Rechtsleben, hab' ich gedacht, kommen etische Ideen zum Ausdruck, aber
es scheint gar nicht wahr zu sein! Es scheint sich mehr um Gebräuche, als um
Gedanken zu handeln? Ich glaube, die Menschheit als Ganzes denkt, fühlt viel
humaner, als die Gesetze es verlangen. Sie scheinen mir überholt, ausgewachsen,
ihr Wortlaut mittelalterlich roh. Und wenn ich sie mit den Jesusworten
vergleiche, mit dieser unendlichen Zartheit der Empfindung, des Gewissens, die
in jenen Lehren liegt, die vor 1900 Jahren ausgesprochen worden, so finde ich -
-
    Ach, ich bin ein dummes Kind! wen kümmert's, was ich finde!
    Und doch, - es scheint mir, dass auch ich sagen muss - - helfen muss - - -
    20. November. Lange nichts hier eingeschrieben. Ich bin ja zu verwirrt von
all dem Neuen. Dumme Sorgen kommen auch dazu, die dümmsten, elendesten Sorgen,
die der Mensch sich machen kann, die um das nackte Leben! Das heißt, ich mache
sie mir nicht, sie zwingen sich mir auf, leider. Mama schreibt sehr kurz; -
neulich hat sie mit Papa meinetwegen eine heftige Szene gehabt. Er hat sie
gefragt, ob sie wisse, wo ich mich aufhalte. Mit drohender Miene. Sie hat nein
gesagt. Sie tut mir so furchtbar leid! Ich bin es, die sie zu lügen zwingt,
ich, die ich so leidenschaftlich gern ehrlich und wahr durch die Welt gehen
möchte. Es wird ihr sehr schwer, schreibt sie, das Geld für mich unbemerkt
fortzuschicken. Ach, wenn ich es doch nicht brauchte! Manchmal, beim Essen, habe
ich solch ein erstickendes Gefühl im Halse, - das abscheuliche, dumme Essen
kostet am meisten! Wenigstens hab ich ein billigeres Zimmer jetzt, nur sechzehn
Franken! Es liegt sogar freier als das vorige. Zum Mittagessen geh ich fort,
abends genügt ja Brot und Milch vollkommen. Ach, es ist doch viel, was ein
Mensch zum Leben braucht, unglaublich viel. Man ist immer von neuem hungrig, und
doch hätte man das Geld für soviel wichtigere Dinge nötig.
