 stämmig liebenswürdigen
Wesen, das sich für ihn hätte vierteilen lassen, so verliebt war es in ihn.
    Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses Verhältnis, und es gehörte zu
den stürmischsten Augenblicken der Cénaclezusammenkünfte, wenn er diese freien
Rhytmen losliess, die an Überschwänglichkeit Alles in den Schatten stellten, was
den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war. Im Übrigen wurden die
Cénaclezusammenkünfte mit Teetrinken (doch war viel Rum dabei) und den
ungeheuerlichsten Gesprächen ausgefüllt.
    Es durfte von Allem gesprochen werden, nur nicht von der Schule.
Hauptsächlich sprach man von zukünftigen dichterischen Plänen. Stöffel, der
zugleich Musiker war, wollte Opern dichten und komponieren: Wisst ihr, Opern
moderner Art, voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit, ungeheuer umfassend,
allegorisch, aber lebendig!
    Mehr war darüber nicht zu erfahren, und wenn er am Klavier saß, kams immer
auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus.
    Wippert hatte vornehmlich satirische Pläne. »Juvenalia« sollte sein erstes
Werk heißen mit dem Untertitel: Ein Hechelepos in sieben Zinken. Jede Zinke
sollte »einen Hauptstand der gegenwärtigen Ordnung zerstrählen«. Die erste
Zinke, in gereimten Hexametern, behandelte die Sippe der Gymnasiallehrer und
begann so:
Strähle mir, Zinke, den Mann, der schwitzend auf dem Katheder
Mit höchsteigener Hand verteilt sein eigenes Leder!
Barmann hatte noch viel vom alten und neuen Sturm und Drang. Obwohl er am
wenigsten von der wirklichen Welt wusste (wie denn Alle, mit Ausnahme Stilpes,
ziemlich unwissend in diesem Punkte waren), hasste er diese Welt doch mit einem
sehr grimmigen Hasse und wollte ihr »in machtvoll wahren, meinethalben krassen
Dramen einen Spiegel vorhalten, dass sie sich vor Selbstekel übergeben sollte.«
    Stilpe aber hatte so viel Pläne, dass niemand recht wusste, was er eigentlich
vorhatte.
    Manchmal fühlten sie ihm höhnisch auf den Zahn: Ob er vielleicht immer bloß
seine jeweiligen Bettasen besingen wolle?
    Er aber antwortete gelassen: Wohl möglich! Jedenfalls wird immer mein
Prinzip sein: Erst leben und dann dichten! Ich heiße doch nicht Müller von der
Werra, sapristi! Ich bin doch nicht bloß zum Skandieren da! Das Dichten ist bloß
Wiederkäuen des Genusses. Aber um wiederkäuen zu können, muss man vorgekäut
haben. Verlasst euch drauf: Ich werde enorm vorkäuen!
    Die andern fühlten instinktiv, dass er der Einzige unter ihnen war, der sein
Programm sicher durchführen würde, und sie hatten deshalb viel Respekt vor ihm,
obwohl sie auch nicht ohne Neid waren.
So rollte das Jahr bis an die Schwelle der Abiturientenprüfung.
    Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so ziemlich sicher, dass sie das
Examen bestehen würden. Was aber ihn anging, so hatte Barmann recht gehabt, als
er sagte, dass auch er jetzt so gut wie durchgekommen
