 verstand es nur unklar, aber das
Davonlaufen begriff sie.
    - Fahr hin, wo Du willst, wenn Du nicht mehr in die Schule gehen magst. Sie
erwischen Dich doch bald. Aber das Zeug da nimmst Du nicht mit ... Nein ... So
ein Junge! Gottseidank, dass Du zu mir gekommen bist! Denke bloß: Später! Wenn
Dus gefühlt hättest, was Du getan hast ...
    Herr du mein Gott, so ein Unglück! Du wärst ja ein Lump geworden, Junge!
Gott weiß, was Du noch Alles angerichtet hättest! Mord und Todschlag! Wahrhaftig
ein Glück, dass der andere Bengel nicht gekommen ist. Sonst hätt ich Dich nicht
hier.
    Es beleidigte ihn gar nicht, dass sie ihn so in aller Deutlichkeit als Junge
etc. traktierte. Er war vollkommen mürbe.
    Nach langen Beratungen kamen sie schließlich überein, dass er die Nacht noch
hierbleiben sollte (denn er fühlte sich nun unfähig zu jedem anderen Vorhaben,
als eben hier zu sein); am nächsten Tage möge er dann getrost nach Griechenland
oder Kamerun fahren; sie aber werde die Sachen einpacken und mit einem Brief,
den er schreiben müsse, an die Adresse der alten Wiehrs schicken.
    Der Brief lautete:
Lieber Vater und liebe Mutter Wiehr!
    Seien Sie mir nicht böse, dass ich ohne Abschied von Ihnen fortgegangen bin
und nahe daran war, eine große Schlechtigkeit zu begehen. Ich hoffe, Alles gut
machen zu können, und bitte Sie, meinen Eltern nichts von dem zu sagen, was ich
beinahe begangen hätte. Lassen Sie mich nicht verfolgen und melden Sie mich in
der Schule ab. Es dankt Ihnen für alles Gute, was Sie ihm, dem Unwürdigen,
getan haben,
                                                                  Ihr Pflegesohn
                                                                          W. St.
Die Schlusssätze des Briefes waren eigenste Hinzufügung Stilpes. Sonst war der
Brief nicht eigentlich nach seinen Intentionen. Er hatte ihn zerknirschter und
umfangreicher angelegt, mit einer großen Diatribe gegen das Geschlecht der
Gymnasiallehrer als Mittelstück, aber das Mädchen wollte nichts davon wissen.
    Als aber der Brief geschrieben war, fingen beide an, vergnügter zu werden,
als vielleicht die Leute glauben, die da nicht wissen, zwischen welch fernen
Gegenden die Schaukel in der Seele mancher Menschen hin und her schwingt.
    Denn Himmel und Hölle, Reue und Wollust liegen zuweilen nicht weiter von
einander entfernt, als die Lippen zweier Menschen, die sich küssen.
 
                                Fünftes Kapitel
Die Oberprima des Königlichen Gymnasiums einer kleinen sächsischen
Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule berufen
worden, weil der Geheimrat Ammer, der als Königlicher Kommissarius die
bevorstehende Abiturientenprüfung zu überwachen hatte, mit dem Wunsche
hervorgetreten war, die Kandidaten schon zuvor persönlich kennen zu lernen. Er
hatte sich mit ihnen in einer
