 Kasse, offen
... Ich komme durch die Hintertüre und stelle mich vor den Laden und spreche
mit dem Alten ... Und, während ich mit ihm spreche, halte ich die Hände auf dem
Rücken und greife ganz einfach in die Kasse ... Immer, während ich mit ihm
spreche ... Ich muss bloß was Komisches erzählen ... Oder, nein, sicherer, ich
sage: Sehen Sie, Vater Wiehr, da wird Einer arretiert drüben, vor Aeckerleins
Keller! Da stürzt er sicher gleich vor die Türe ...
    Es wurde ihm unbehaglich heiß.
    - Aber das ist ja doch niederträchtig! Das ist ja Diebstahl! Pfui Teufel!
...
    - Und, wenn sie's beim Abrechnen merken? ...
    - Unsinn! ... Sie rechnen ja gar nicht ab, Philemon und Baucis! ...
    - Und schließlich, drei oder meinetwegen fünf Mark ... Das fühlen Sie ja gar
nicht ...
    - Überhaupt: Diebstahl! Mumpitz! Ich solls ja so mal erben! Lachhaft! ...
    - Ich kann's ja auch später wiedergeben, wenn ich selber Geld habe ...
    - Natürlich: Das versteht sich von selbst. Mit Zinsen! ...
    Und er stülpte sich seinen Hut auf und rannte hinunter.
 
                                Viertes Kapitel
Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden, aber nur versuchsweise und mit
Nachprüfung in der Mathematik nach einem Vierteljahr. Zudem fand sich in seinem
Zeugnis eine Bemerkung, für die er nur die Bezeichnung Infam! hatte. Es war da
die Rede von »Zerfahrenheit«, »Unaufmerksamkeit«, »Allotria«.
    Wischiwaschi! sagte Stilpe, kaufte sich eine Flasche Eau de Javelle und
wischte die Bemerkung weg. Er tat es in der Hauptsache wegen der alten Wiehrs,
denn es lag ihm daran, dass diese nicht irre an ihm wurden.
    In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift pathetisch ein:
    »Nachdem ich wöchentlich und konsequent einige Diebstähle begehe, kommt es
auf eine Urkundenfälschung nicht mehr an.
    Ich bin also ein Verbrecher!? Ha! Das ist ausgezeichnet!
    Wenn ich wöchentlich, wie Girlinger, 10 Mark Taschengeld hätte, brauchte ich
nicht zu stehlen, und wenn die Pauker keine überflüssigen Bemerkungen
schmierten, brauchte ich kein Eau de Javelle.
    Also? Logik? Schluss? Die Hauptsache ist: Sich nicht erwischen lassen!«
    An Girlinger verriet er von seinen Streichen nichts. Er wusste, dass dieser
»unfähig war, derlei zu verstehen«.
    Und doch hätte er gerne Jemand gehabt, dem ers sagen könnte.
    Einmal hatte er bei Marta den Versuch gemacht, indem er sie fragte, sehr
feierlich, was sie dazu sagen würde
