, die früher scheuern gegangen war, die Rolle der
Ehebrecherin haben musste. Sich selbst dachte Stilpe als den Galan, doch stellte
er sich in dieser Tätigkeit etwas älter und als berühmten Journalisten vor. Die
Hauptscene, der Drehpunkt des Ganzen, stand schon fest, aber nur im Kopfe, denn,
und dies gilt für die meisten dichterischen Pläne Stilpes in dieser und späteren
Zeit: Er kam selten dazu, seine Entwürfe in Tinte umzusetzen.
    Schade übrigens, dass Stilpe diese Szene nicht ausgeführt hat. Sie war höchst
verwegen naturalistisch gedacht und sehr geeignet, Ärgernis zu erregen, - ein
poetischer Zweck, der dem revolutionären Obertertianer ziemlich deutlich
vorschwebte, obwohl seine Verwegenheit nicht bis zur Phantasmagorie einer
Drucklegung ging. Sie sollte sich direkt in Wopfs Ehebette abspielen.
    Girlinger hatte Einwendungen dagegen, vornehmlich vom Standpunkte der
Bühnenmöglichkeit aus. Aber da kam er bei Stilpe übel an:
    - Bühne!? Du sagst Bühne! Was geht mich denn die Bühne an? Ich pfeife auf
die Bühne. Glaubst Du, ich will mich neben Herrn Blumental stellen?
    - Nein, aber neben Schiller.
    - Ach, Schiller!
    Dieses »Ach, Schiller!« ist um die Zeit, in der Stilpe sein Wopf-Drama
plante, auch sonst noch manchmal ausgesprochen worden. Wer es mit dem
Phonographen aufgefangen hätte, könnte sich heute damit auf den Jahrmärkten
hören lassen.
    Übrigens war der Deklamator Stilpen in erster Linie doch nicht als
dramatischer Held, sondern als zahlungsfähiger Bücherkäufer wichtig. Zwar, er
zahlte niederträchtige Preise und verdiente schon deshalb, dramatisch als
Hahnrei angemacht zu werden, aber er nahm wenigstens Alles, und in schwierigen
Augenblicken gab er auch Vorschüsse auf später zu verkaufende Bücher.
    - Nächstes Ostern brauche ich meinen alten Cicero nicht mehr; können Sie mir
1 Mark 50 drauf geben?
    Der Deklamator durchblätterte das dicke Buch und blies seinen Tabaksrauch
wie desinfizierend hinein.
    - Quousque tandem, Katilina, abutere patientia nostra! Haben wir auch
gelesen! Wie lange noch, Herr Liebknecht, wollen Sie uns mit Ihren Reden mopfen?
Fünfundsiebzig Fenge Herr Stilpe.
    - Nee, mein Lieber, eine Mark doch mindestens. Der Schmöker kostet neu ja
fünfe, und er sieht doch noch ganz jungfräulich aus.
    - Fünfundsiebzig Fenge, Herr Stilpe! Und übrigens: Wenn Sie nu sitzen
bleiben und die Katilinarischen noch ein Jahr lesen müssen?
    - Na, hören Sie mal, das find ich stark! Sie halten mich wohl für ein
Kameel? Also gut, her mit den fünfundsiebzig, Sie Jude.
    Der Deklamator zog seinen Beutel und fischte das Geld heraus. Dann notierte
er sich das Geschäft in sein Notizbuch, wo eine Seite in tadelloser Rundschrift
überschrieben war: Herr Stilpe.
    Leider hielt die Bibliothek der Jugendzeit
