 immer noch Menschen, die Bücher lesen. Das muss aufhören.
In den Spitzenunterhöschen meiner kleinen Mädchen steckt mehr Lyrik, als in
euren sämtlichen Werken, und wenn die Zeit erst so weit ist, dass ich ohne
Unterhöschen tanzen lassen kann, dann werdet sogar ihr begreifen, dass es
überflüssig ist, andere Verse zu machen, als solche, die bei mir gesungen
werden. Umgotteswillen, begreift doch die Situation! Schöne Kleider, schöne
Frisuren, schöne Arme, Brüste, Beine, Bewegungen - darauf kommst an. Erfindet
mir Tänze, dichtet Pantomimen, löst mir das Problem der Emancipation vom Tricot,
- das sind Sachen, die ich brauchen kann. Und wenn ihr schon durchaus Verse
machen müsst, so vergesst doch nicht, dass sie von schönen Mädchen gesungen werden,
die nicht mit leeren Korsetts auftreten. Und seht euch mal die bunten, feinen
Stoffe da an! Was müssen das für Verse sein, die mit solchen Farben, solchen
Mustern konkurrieren wollen! Zieht doch eure Verse endlich mal aus! Ich lasse
Rops tanzen, - habt ihr doch die Kurasche, Rops zu dichten! Unser Theater heißt
doch Momus und nicht Stöcker. Seid ihr denn Predigtamtskandidaten? Mein Gott,
was tät ich, wenn ich auf euch angewiesen wäre!
    So polterte er sich aus und genügte seinem Bedürfnisse ab und an verwegene
Worte zu ballen. Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten Dichter, obwohl er
sich herzhaft über sie ärgerte, doch unentbehrlich. Er konnte »an sie hin reden«
und sich bei dieser Gelegenheit klar machen, worauf hinaus er eigentlich wollte.
Diese Art, sich in Feuer zu reiben, tat ihm gute Dienste. Er fand sich mit
seinem literarischen Gewissen ab, indem er sich mit den ungebärdigen Poeten
abraufte. Wären sie nicht immer wieder aufgetaucht, so hätte er die Literatur
überhaupt vergessen und wäre ganz in Musslin und Seide aufgegangen.
 
                                Viertes Kapitel
Das leipziger Cénacle, das durch die »fatale Stilpe-Sache« damals gesprengt
worden war, hatte sich schließlich doch wieder zusammengefunden. Freilich ohne
Stilpe. Dieser war um die Zeit der neuen Vereinigung gerade in den Vollgenuss
seiner kritischen Berühmteit getreten und hatte auf die Einladung, der ersten
Sitzung in Leipzig beizuwohnen, eine schnöde Absage erteilt. Es war darin von
Kinderschuhen die Rede, die er den Herren gerne zur Verfügung stellen würde,
wenn er nicht befürchten müsste, dass auch sie ihnen noch zu groß seien; im
übrigen sei er bereit, die poetischen Werke der erlauchten Cénacliers mit
derselben Objektivität zu tranchieren, mit der er die übrigen Erzeugnisse des
dichterischen Germaniens der öffentlichen Meinung vorsetzte.
    Diese Bemerkung war das Boshafteste in dem Briefe, denn die Herren Barmann,
Stössel, Wippert und Girlinger hatten ihren künstlerischen und dichterischen
