 Stechlin, und haben recht. Denn dass sie nun schließlich
doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens), ist ein Beweis, dass sie
sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen misstraute. Aber man ist
immer nur klug und weise für andre. Die Doktors machen es ebenso; wenn sie sich
selber behandeln sollen, wälzen sie die Verantwortung von sich ab und sterben
lieber durch fremde Hand. Aber was sprech ich nur immer von Melusine. Freilich,
wer in unserm Hause so gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Überraschliches
darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist übrigens
in Sicht; keine zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben.«
    »Ist sie mit bei der Baronin?«
    »Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem Zimmer, und
Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange mehr dauern.«
    »Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank?«
    »Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor, sondern
ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht gehört, weil erst
vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die Musikstunden wieder
aufgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer.«
    »Musikdoktor? Gibt es denn die?«
    »Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das. Und sosehr ich im
ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch so, dass ich dem
armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muss.
Er hat den Titel auch noch nicht lange.«
    »Das klingt ja fast wie 'ne Geschichte.«
    »Trifft auch zu. Können Sie sich denken, dass Wrschowitz aus einer Art
Verzweiflung Doktor geworden ist?«
    »Kaum. Und wenn kein Geheimnis...«
    »Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei
Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als ein höherer (denn er hat auch eine
Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz, und er ist bloß
Doktor geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden.«
    »Und das ist ihm auch geglückt?«
    »Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, dass ihn einzelne ganz wie
früher Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit. In
letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten
Menschen. Meist denkt man, die Prediger und die Schauspieler seien die
schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders
schlimm sind die, die die
