, je mehr lebt man.
Was aber Woldemar angeht, meiner sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt freilich,
als Hauptfaktor, noch die Komtesse. Für die müssen Sie die Bürgschaft
übernehmen. Die Frauen bestimmen schließlich doch alles.«
    »So heißt es immer. Und wir sind eitel genug, es zu glauben. Aber das führt
uns auf ganz neue Gebiete. Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung. Und nun erlauben
Sie mir, nach diesem unserm revolutionären Diskurse, zu den Hütten friedlicher
Menschen zurückzukehren. Ich habe mich bei dem alten Herrn nur auf eine halbe
Stunde beurlaubt und rechne darauf, dass Sie mich, wenn nicht bis ins Museum
selbst (das dem Programm nach besucht werden sollte), so doch wenigstens bis auf
die Schlossrampe begleiten.«
 
                              Dreissigstes Kapitel
Lorenzen tat, wie gewünscht, und auf dem Wege zum Schloss plauderten beide
weiter, wenn auch über sehr andere Dinge.
    »Was ist es eigentlich mit diesem Museum?« fragte Melusine; »kann ich mir
doch kaum was Rechtes darunter vorstellen. Eine alte Papptafel mit Inschrift
hängt da schräg über der Saaltür, alles dicht neben meinem Schlafzimmer, und ich
habe mich etwas davor geängstigt.«
    »Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive Papptafel, die freilich
verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur andeuten, dass es sich bei der
ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas Ernstaftes handelt. Etwa wie bei
Sammlung von Meerschaumpfeifen und Tabaksdosen. Und Sie werden auch vorwiegend
solchen Seltsamkeiten begegnen. Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges
historisches Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr von
Stechlin anfänglich aus war.«
    »Und das war?«
    »Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun wohl schon zwanzig Jahre sein,
da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer, der historische Türen
sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe, ich glaube, es waren tausend
Pfund, die Gefängnistür erstanden habe, durch die Ludwig XVI. und dann später
Danton und Robespierre zur Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese
Notiz machte solchen Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner Schlossherrn,
dass er auch solche historische Türensammlung anzulegen beschloss. Er ist aber
nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schlossfenster begnügen
müssen, an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur Entauptung
vorübergeführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die meisten wollen nichts
davon wissen. Nur Krippenstapel hält noch daran fest.«
    »Krippenstapel?«
    »Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich unser Lehrer hier, Liebling des
alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Der hat ihm denn auch das
gegenwärtige Museum, das man als Abschlagszahlung auf die historischen
