 ist heutzutage
so nüchtern, dass ich immer froh bin, mal einer Aufregung zu begegnen; Aufregung
kleidet besser als Indifferenz, und jedenfalls ist sie interessanter. Was meinst
du dazu, Melusine?«
    »Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten.«
    »Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was tun, was sehen? Oder,
wie Sie ganz richtig bemerken, was nicht sehen? Überall etwas sehr Schwieriges.
In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern, in England mit
Hinrichtungsblöcken. Sie haben drüben ganze Kollektionen davon. Also möglichst
wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen, immer mit Ausnahme von
Westminster. Ich glaube, was man so mit billiger Wendung  Land und Leute nennt,
das ist und bleibt das Beste. Die Temse hinauf und hinunter, Richmond Hill
(auch jetzt noch, trotzdem wir schon November haben) und Werbekneipen und
Dudelsackspfeifer. Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem
sogenannten Straßen-Raffael begegnen, dann stehenbleiben und zusehen, was das
sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten Hand auf die breiten
Strassensteine hinmalt. Denn diese Straßen-Raffaels haben immer nur eine linke
Hand.«
    »Und was malt er?«
    »Was? Das wechselt. Er ist imstande und zaubert Ihnen in zehn Minuten eine
richtige Sixtina aufs Trottoir. Aber in der Regel ist er mehr Ruysdael oder
Hobbema. Landschaften sind seine Force; dazu Seestücke. Die Klippe von Dover hab
ich wohl zwanzigmal gesehen und über das Meer hin den zitternden Mondstrahl. Da
haben Sie schon was zur Auswahl. Und nun fragen Sie Melusine. Die hat von London
und Umgegend viel mehr gesehen als ich und weiß, glaub ich, in Hampton Kourt und
Waltam Abbei besser Bescheid als an der Oberspree, natürlich das Eierhäuschen
ausgenommen. Und wenn Melusine versagen sollte, nun, so haben wir ja noch unsere
Tochter Kordelia. Kordelia war damals freilich erst sechs oder doch nicht viel
mehr. Aber Kindermund tut Wahrheit kund. Armgard, wie wär es, wenn du dich
unsers Freundes annähmest?«
    »Ich weiß nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist oder
auch nur sein kann. Vielleicht ging' es, wenn du nur nicht von meinen sechs
Jahren gesprochen hättest. Aber so. Mit sechs Jahren hat man eben nichts erlebt,
was, in den Augen andrer, des Erzählens wert wäre.«
    »Komtesse, gestatten Sie mir... die Dinge an sich sind gleichgültig. Alles
Erlebte wird erst was durch den, der es erlebt.«
    »Ei«, sagte Melusine. »So bin ich zum Erzählen noch mein Lebtag nicht
aufgefordert worden. Nun wirst du sprechen müssen,
