 ach,
man weiß immer sowenig von diesen Dingen - will mir nicht recht einleuchten. Als
Christ weiß ich natürlich (so schlimm steht es am Ende auch nicht mit einem),
als Christ weiß ich, dass es eine Sühne gibt. Aber in solchem Falle? Tormeier,
was meinen Sie, was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle
Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr.«
    Tormeier verklärte sich. Das war so recht ein Thema nach seinem Geschmack;
seine Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch glatter.
    »Ja«, sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow vorbeugte, »so was
gibt es. Und es ist ein Glück, dass es so was gibt. Denn die arme Menschheit
braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden, einmal, weil sich mein
protestantisches Gewissen dagegen sträubt, und dann auch wegen des Anklangs;
aber es gibt eine Purifikation. Und das ist doch eigentlich das, worauf es
ankommt: Reinheitswiederherstellung. Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die
Sache, drum sich's hier handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem
Hange nach Restitution überall, und namentlich im Orient - aus dem doch unsre
ganze Kultur stammt - finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese Tatsache.«
    »Ja, ist es eine Tatsache?«
    »Schwer zu sagen. Aber es wird als Tatsache genommen. Und das ist ebensogut.
Blut sühnt.«
    »Blut sühnt«, wiederholte Molchow. »Gewiss. Daher haben wir ja auch unsere
Duellinstitution. Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne hernehmen? In diesem
Spezialfalle ganz undurchführbar. Der Hauslehrer ist drüben in England
geblieben, wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist. Und wenn er auch
wiederkäme, er ist nicht satisfaktionsfähig. Wär er Reserveoffizier, so hätt ich
das längst erfahren...«
    »Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv,
naturwüchsig, das sogenannte Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht immer das
Blut des Übeltäters selbst zu sein. Bei den Orientalen...«
    »Ach, Orientalen... dolle Gesellschaft...«
    »Nun denn meinetwegen, bei fast allen Völkern des Ostens sühnt Blut
überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung - ich kann das Wort nicht
vermeiden, Herr von Molchow; ich muss immer wieder darauf zurückkommen -, nach
orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her.«
    »Na, hören Sie, Rektor.«
    »Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt das zu dem
Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und ich habe da
