 sei: Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber - eine Geschichte, der
Dein Vater natürlich nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von
Herumreisen ist selbstverständlich Abstand genommen worden, ebenso vom
Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben wir Wahl. In Rheinsberg, wie immer,
fallen die Würfel. Ich glaube, dass er siegt. Nur die Fortschrittler können in
Betracht kommen und allenfalls die Sozialdemokraten, wenn vom Fortschritt (was
leicht möglich ist) einiges abbröckelt. Unter allen Umständen schreibe Deinem
Papa, dass Du Dich seines Entschlusses freutest. Du kannst es mit gutem Gewissen.
Bringen wir ihn durch, so weiß ich, dass kein Besserer im Reichstag sitzt und dass
wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren können. Er sich persönlich allerdings
auch. Denn sein Leben hier ist zu einsam, so sehr, dass er, was doch sonst nicht
seine Sache ist, mitunter darüber klagt. Das war das, was ich Dich wissen lassen
musste. Sonst nichts Neues vor Paris. Krippenstapel geht in großer Aufregung
einher; ich glaube, wegen unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten
Vorversammlung, wo er mutmasslich seine herkömmliche Rede über den Bienenstaat
halten wird. Empfiehl mich Deinen zwei liebenswürdigen Freunden, besonders
Czako. Wie immer, Dein alter Freund Lorenzen.«
    Woldemar, als er gelesen, wusste nicht recht, wie er sich dazu stellen
sollte. Was Lorenzen da schrieb, »dass kein Besserer im Hause sitzen würde«, war
richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der Alte war durchaus kein
Politiker, er konnte sich also stark in die Nesseln setzen, ja vielleicht zur
komischen Figur werden. Und dieser Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater
schwärmerisch liebte, sehr schmerzlich. Außerdem blieb doch auch immer noch die
Möglichkeit, dass er in dem Wahlkampf unterlag.
Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus nicht
fest, dass der alte Dubslav, so beliebt er selbst bei den Gegnern war, als Sieger
aus der Wahlschlacht hervorgehen müsse. Die Konservativen hatten sich freilich
daran gewöhnt, Rheinsberg-Wutz als eine »Hochburg« anzusehen, die der
staatserhaltenden Partei nicht verlorengehen könne, diese Vorstellung aber war
ein Irrtum, und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte
lediglich in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und Beliebteit
freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen persönlichen Rücksichtnahme musste
doch mal ein Ende nehmen, und das Anrecht, das sich der alte Kortschädel
ersessen hatte, mit diesem musst es vorbei sein, eben weil sich's endlich um
einen Neuen handelte. Kein Zweifel, die gegnerischen Parteien regten sich, und
es lag genau so, wie Lorenzen an Woldemar geschrieben, »dass ein Fortschrittler
