Ja, die beiden auch. Sie erinnern sich der Zeit wohl, wo das Vorderhaus
noch stand und wir alle, selbst ich, noch jung waren. Nun war es im September,
und er hatte sich vollkommen bei mir eingerichtet, das heißt eigentlich ich ihm
alles. Nicht aus meinem Geldbeutel: in seiner Brieftasche hat er genug Scheine
aus aller möglichen Herren Ländern gehabt, dass ich ihm davon nicht bloß noch ein
halb Dutzend Hemden, sondern auch alles übrige besorgen konnte - nach seinem
jetzigen kuriosen Leben wohl noch auf Jahre hinaus. Auch in der Leihbibliotek
hatte ich ihn abonnieren müssen; denn ausgegangen ist er kaum mehr - da
entschuldigte er sich immer mit seinen kranken Füßen. Auf seinem alten
Studentensofa und seinem Bett hat er gelegen und den lieben langen Tag und auch
manchmal die Nacht durch gelesen, alles, was ihm einmal gefallen hat in seiner
Kindheit und Jugend, und immer aus den alten, schmierigen, ekligen, zerrissenen
Bänden von Olims Zeiten. Brachte ich ihm ein neues Exemplar, ließ er's liegen
und meinte Mutter Feucht, das ist das rechte nicht. - Jaja, man konnte sich bei
allem irgend etwas denken, aber man musste sich wirklich sehr in seine Grillen
und Schrullen hineinfinden. Und sehen Sie mal, Herr Oberregierungsrat, das ist
jetzt denn auch wirklich mein Stolz und meine Freude, dass er mit denselbigen,
ich meine die Schrullen und Grillen, nur bei mir eine Unterkunft gesucht hat.
Ja, er ist freilich nicht der einzige von meinen alten Herren, dem gegenüber ich
die Jüngere geblieben bin mit Gottes gnädigem Beistand. Aber da brauchen Sie nur
auf die Straße hinauszugucken: wenn so eine von uns über ihre Jugendschwäche
herausgekommen ist, da weiß sie schon ihren ihr vom Herrgott anbefohlenen
Wackelkopf und Knickebein auch an der Linden- und Friedrichstrassenecke durchs
Gewühl zu dirigieren. Überheben Sie sich ja nicht über Ihre liebe Frau
unbekannterweise, Herr Krumhardt. Wenn Sie die jetzt gut behandeln und
handhaben, tut die Ihnen vielleicht auch noch mal das gleiche.«
    Der letzte Schein der Herbstsonne war längst von dem Stückchen Himmelszelt
vor unserm Fenster gewichen; die Dämmerung kam rasch, und ich hätte gern hier
das Protokoll abgekürzt; aber wenn wer jetzt was zu den Akten zu geben hatte, so
war das doch die Frau Fechtmeisterin Feucht, und ich unterbrach sie nicht durch
überflüssige Bemerkungen meinerseits, zumal sie selber sagte:
    »Ich komme sofort auf die Hauptsache, Herr Oberregierungsrat, aber ihr Herz
hat unsereine auch voll bei solcher Sache!«
    Ich konnte, nachdem sie sich die Augen getrocknet hatte, nur die beiden
lieben, tapferen Knochenhände fassen, in die sich Velten Andres zu seiner
letzten Pflege gegeben hatte.
    »Herrgott, wie habe ich dann seine
