 und ich musste sie eine
Viertelstunde später erst erinnern, dass sie ja einen Brief habe. Dann las sie
ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich bekenne dir, dass mir bang ums Herz dabei
wurde, so bang, dass ich gern eine Gewissheit haben wollte, soviel, wie man in
diesen Dingen haben kann.«
    »Sehr wahr, sehr wahr.«
    »Was meinst du damit?«
    »Nun, ich meine nur... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur weiter; ich
bin ganz Ohr.«
    »Ich fragte also rundheraus, wie's stünde, und weil ich bei ihrem eigenen
Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht wie möglich, ja
beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage hin, ob sie vielleicht
den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr stark den Hof gemacht hatte, ob sie
den vielleicht lieber heiraten würde...«
    »Und?«
    »Da hättest du sie sehen sollen. Ihre nächste Antwort war ein schnippisches
Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein großer Kadett in
Leutnantsuniform. Und einen Kadetten könne sie nicht einmal lieben, geschweige
heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der ihr mit einem Male der Träger
aller männlichen Tugenden war.«
    »Und wie erklärst du dir das?«
    »Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe leidenschaftlich
sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie gehört nicht zu denen, die
so recht eigentlich auf Liebe gestellt sind, wenigstens nicht auf das, was den
Namen ehrlich verdient. Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem
gewissen Überzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe
sei nun mal das Höchste, das Schönste, das Herrlichste. Vielleicht hat sie's
auch bloß von der sentimentalen Person, der Hulda, gehört und spricht es ihr
nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl möglich, dass es alles mal kommt,
Gott verhüte es, aber noch ist es nicht da.«
    »Und was ist da? Was hat sie?«
    »Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei:
Vergnügungssucht und Ehrgeiz.«
    »Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.«
    »Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - vom Streber will ich nicht
sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich vornehm -, also
Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz befriedigen.«
    »Nun also. Das ist doch gut.«
    »Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte. Ihr Ehrgeiz wird befriedigt
werden, aber ob auch ihr Hang
