 kann auch ein Auge zudrücken. Und ich stehe so zu der Sache: kommen die
Ratenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es auch gut. Ich werde
ganz einfach telegraphieren: Effi, komm. Bist du einverstanden?«
    Sie stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Natürlich bin ich's. Du
solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein leichter Schritt ist es nicht. Und
unser Leben wird von Stund an ein anderes.«
    »Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich einen
Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich das Kind erst
wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser... Und nun will ich das
Telegramm schicken.«
    Effi war nun schon über ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie bewohnte die
beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon früher, wenn sie zu Besuch da war,
bewohnt hatte; das größere war für sie persönlich hergerichtet, nebenan schlief
Roswita. Was Rummschüttel von diesem Aufenthalt und all dem andern Guten
erwartet hatte, das hatte sich auch erfüllt, soweit sich's erfüllen konnte. Das
Hüsteln ließ nach, der herbe Zug, der das so gütige Gesicht um ein gut Teil
seines Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo sie
wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da zurücklag, wurde wenig
gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden und natürlich von
Gieshübler, für den der alte Briest eine lebhafte Vorliebe hatte. »Dieser
Alonzo, dieser Preciosa-Spanier, der einen Mirambo beherbergt und eine Trippelli
grosszieht - ja, das muss ein Genie sein, das lass ich mir nicht ausreden.« Und
dann musste sich Effi bequemen, ihm den ganzen Gieshübler, mit dem Hut in der
Hand und seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was sie, bei dem
ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber ungern tat, weil
sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben Menschen empfand. - Von
Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl feststand, dass Annie Erbtochter
sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen würde.
    Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die, nach Frauenart, nicht ganz
abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich sie blieb, als einen
interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in Liebes-und
Aufmerksamkeitsbezeugungen.
    »Solchen guten Winter haben wir lange nicht gehabt«, sagte Briest. Und dann
erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche Haar aus der
Stirn. Aber so schön das alles
