 lies
mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz Besonderes enthält oder vielleicht
Geheimnisse.«
    »Geheimnisse«, lachte Effi und sprang in plötzlich veränderter Stimmung
wieder auf. »Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf, aber das meiste könnt
ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da, wo immer die landrätlichen
Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch Landrat.«
    »Lies, lies.«
    »Liebe Effi... So fängt es nämlich immer an, und manchmal nennt er mich auch
seine kleine Eva.«
    »Lies, lies... Du sollst ja lesen.«
    »Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je sparsamer
werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer zuerst nach Deiner
Handschrift, aber, wie Du weißt (und ich hab es ja auch nicht anders gewollt),
in der Regel vergeblich. Im Hause sind jetzt die Handwerker, die die Zimmer,
freilich nur wenige, für Dein Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst
geschehen, wenn wir auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert,
ist ein Original, von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem aber, wie
glücklich ich bin über Dich, über meine süße, kleine Effi. Mir brennt hier der
Boden unter den Füßen, und dabei wird es in unserer guten Stadt immer stiller
und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern abgereist; er badete zuletzt bei 9
Grad, und die Badewärter waren immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn
sie fürchteten einen Schlaganfall, was dann das Bad in Misskredit bringt, als ob
die Wellen hier schlimmer wären als woanders. Ich juble, wenn ich denke, dass ich
in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre oder nach
Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck. Und der schönste sei
für Dich. Viele Grüße den Eltern und den zärtlichsten Kuss Dir von Deinem Geert.«
    Effi faltete den Brief wieder zusammen, um ihn in das Kouvert zu stecken.
    »Das ist ein sehr hübscher Brief«, sagte Frau von Briest, »und dass er in
allem das richtige Maß hält das ist ein Vorzug mehr.«
    »Ja, das rechte Maß, das hält er.«
    »Meine liebe Effi, lass mich eine Frage tun; wünschtest du, dass der Brief
nicht das richtige Maß hielte, wünschtest du, dass er zärtlicher wäre, vielleicht
überschwenglich zärtlich?«
    »Nein, nein, Mama. Wahr und wahrhaftig nicht, das wünsche ich nicht. Da ist
es doch besser so.«
    »Da ist es doch besser so.
