 und so furchtbar
ich alles finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit,
eines ihr eignen heiteren Charmes, dass ich mich, mir selbst zum Trotz, in meinem
letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.«
    Wüllersdorf nickte. »Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir vielleicht
ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir sagen: Ich liebe
diese Frau so sehr, dass ich ihr alles verzeihen kann, und wenn wir dann das
andere hinzunehmen, dass alles weit, weit zurückliegt, wie ein Geschehnis auf
einem andern Stern, ja, wenn es so liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die
ganze Geschichte?«
    »Weil es trotzdem sein muss. Ich habe mir's hin und her überlegt. Man ist
nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze
haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm.
Ging' es, in Einsamkeit zu leben, so könnt ich es gehen lassen; ich trüge dann
die mir aufgepackte Last, das rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele
leben ohne dies rechte Glück, und ich würde es auch müssen und - auch können.
Man braucht nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch
darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man nicht
notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man weltabgewandt
weiterexistieren will, auch laufenlassen. Aber im Zusammenleben mit den Menschen
hat sich ein Etwas ausgebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen
wir uns gewöhnt haben alles zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und
dagegen zu verstoßen geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun
wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den
Kopf. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schließlich doch
nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber freilich, wer kann
was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Hass oder dergleichen, und um eines
Glückes willen, das mir genommen wurde, mag ich nicht Blut an den Händen haben;
aber jenes, wenn Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt
nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine
Wahl. Ich muss.«
    »Ich weiß doch nicht, Innstetten...«
    Innstetten lächelte. »Sie sollen selbst entscheiden, Wüllersdorf. Es ist
jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen vorweg
machen, hatt ich das Spiel noch in der Hand, konnt ich noch das eine und noch
