 de ses vertus und comprendre c'est pardonner - das sind so recht
eigentlich die Sätze, wegen deren sie gelebt hat.«
    »Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset«, ergänzte Schmidt,
der nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich, aller Klassizität
unbeschadet, auch ein modern-literarisches Ansehen zu geben.
    »Ja, wenn man will, auch von wegen dem Alfred de Musset. Aber das sind
Dinge, daran die Literaturgeschichte glücklicherweise vorübergeht.«
    »Sage das nicht, Etienne, nicht glücklicherweise, sage leider. Die
Geschichte geht fast immer an dem vorüber, was sie vor allem festhalten sollte.
Dass der Alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen Kammergerichtspräsidenten,
Namen hab ich vergessen, den Krückstock an den Kopf warf und, was mir noch
wichtiger ist, dass er durchaus bei seinen Hunden begraben sein wollte, weil er
die Menschen, diese mechante Rasse, so gründlich verachtete - sieh, Freund, das
ist mir mindestens ebensoviel wert wie Hohenfriedberg oder Leuten. Und die
berühmte Torgauer Ansprache, Rackers, wollt ihr denn ewig leben, geht mir
eigentlich noch über Torgau selbst.«
    Distelkamp lächelte. »Das sind so Schmidtiana. Du warst immer fürs
Anekdotische, fürs Genrehafte. Mir gilt in der Geschichte nur das Große, nicht
das Kleine, das Nebensächliche.«
    »Ja und nein, Distelkamp. Das Nebensächliche, soviel ist richtig, gilt
nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts drinsteckt. Steckt aber was
drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer das eigentlich
Menschliche.«
    »Poetisch magst du recht haben.«
    »Das Poetische - vorausgesetzt, dass man etwas anderes darunter versteht als
meine Freundin Jenny Treibel -, das Poetische hat immer recht; es wächst weit
über das Historische hinaus...«
    Es war dies ein Schmidtsches Lieblingstema, drin der alte Romantiker, der
er eigentlich mehr als alles andere war, jedesmal so recht zur Geltung kam; aber
heute sein Steckenpferd zu reiten verbot sich ihm doch, denn ehe er noch zu
wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte, hörte man Stimmen vom Entree her,
und im nächsten Augenblicke traten Marcell und Korinna ein, Marcell befangen und
fast verstimmt, Korinna nach wie vor in bester Laune. Sie ging zur Begrüßung auf
Distelkamp zu, der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte.
Dann gab sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schluss bei ihrem
Vater, dem sie, nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit vorgebundenen
Serviette den Mund abgeputzt hatte, einen herzhaften Kuss gab.
    »Nun, Kinder, was bringt ihr? Rückt hier ein. Platz die Hülle und Fülle.
Rindfleisch hat
