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    »Nun, lass hören. Was war's?«
    »Ja, was war's. Offen gestanden, meine Wissenschaft, zum wenigsten was unser
gutes Kurbrandenburg anging, war nicht weit her, ist es auch jetzt noch nicht,
und als ich so zu Hause saß und mich notdürftig vorbereitete, da las ich - denn
wir waren gerade beim ersten König - allerhand Biographisches und darunter auch
was vom alten General Barfus, der, wie die meisten Damaligen, das Pulver nicht
erfunden hatte, sonst aber ein kreuzbraver Mann war. Und dieser Barfus
präsidierte, während der Belagerung von Bonn, einem Kriegsgericht, drin über
einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte.«
    »So, so. Nun, was war es denn?«
    »Der Abzuurteilende hatte sich, das mindeste zu sagen, etwas unheldisch
benommen, und alle waren für Schuldig und Totschiessen. Nur der alte Barfus
wollte nichts davon wissen und sagte: Drücken wir ein Auge zu, meine Herren. Ich
habe dreißig Rencontres mitgemacht, und ich muss Ihnen sagen, ein Tag ist nicht
wie der andere, und der Mensch ist ungleich und das Herz auch und der Mut erst
recht. Ich habe mich manches Mal auch feige gefühlt. Solange es geht, muss man
Milde walten lassen, denn jeder kann sie brauchen.«
    »Höre, Distelkamp«, sagte Schmidt, »das ist eine gute Geschichte, dafür dank
ich dir, und so alt ich bin, die will ich mir doch hinter die Ohren schreiben.
Denn weiß es Gott, ich habe mich auch schon blamiert, und wiewohl es die Jungens
nicht bemerkt haben, wenigstens ist mir nichts aufgefallen, so hab ich es doch
selber bemerkt und mich hinterher riesig geärgert und geschämt. Nicht wahr,
Etienne, so was ist immer fatal; oder kommt es im Französischen nicht vor,
wenigstens dann nicht, wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band
Maupassant mit heimbringt? Das ist ja wohl jetzt das Feinste? Verzeih die kleine
Malice. Rindfleisch ist überdies ein kreuzbraver Kerl, nomen et omen, und
eigentlich der Beste, besser als Kuh und namentlich besser als unser Freund
Immanuel Schultze. Der hat's hinter den Ohren und ist ein Schlieker. Er grient
immer und gibt sich das Ansehen, als ob er dem Bilde zu Sais irgendwie und -wo
unter den Schleier geguckt hätte, wovon er weitab ist. Denn er löst nicht mal
das Rätsel von seiner eigenen Frau, an der manches verschleierter oder auch
nicht verschleierter sein soll, als ihm, dem Ehesponsen, lieb sein kann.«
    »Schmidt, du hast heute mal wieder deinen medisanten Tag. Eben hab ich den
armen Rindfleisch aus deinen Fängen gerettet
