
    In dem mit dem Boudoir korrespondierenden, an der andern Seite des
Frontsaales gelegenen Zimmer saß Kommerzienrat Treibel und las das »Berliner
Tageblatt«. Es war gerade eine Nummer, der der »Ulk« beilag. Er weidete sich an
dem Schlussbild und las dann einige von Nunnes philosophischen Betrachtungen.
»Ausgezeichnet... Sehr gut... Aber ich werde das Blatt doch beiseite schieben
oder mindestens das Deutsche Tageblatt darüberlegen müssen. Ich glaube,
Vogelsang gibt mich sonst auf. Und ich kann ihn, wie die Dinge mal liegen, nicht
mehr entbehren, so wenig, dass ich ihn zu heute habe einladen müssen. Überhaupt
eine sonderbare Gesellschaft! Erst dieser Mister Nelson, den sich Helene, weil
ihre Mädchen mal wieder am Plättbrett stehen, gefälligst abgewälzt hat, und zu
diesem Nelson dieser Vogelsang, dieser Lieutenant a. D. und Agent provocateur in
Wahlsachen. Er versteht sein Metier, so sagt man mir allgemein, und ich muss es
glauben. Jedenfalls scheint mir das sicher: hat er mich erst in Teupitz-Zossen
und an den Ufern der Wendischen Spree durchgebracht, so bringt er mich auch hier
durch. Und das ist die Hauptsache. Denn schließlich läuft doch alles darauf
hinaus, dass ich in Berlin selbst, wenn die Zeit dazu gekommen ist, den Singer
oder irgendeinen andern von der Kouleur beiseite schiebe. Nach der
Beredsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl möglich, und
so muss ich ihn mir warmhalten. Er hat einen Sprechanismus, um den ich ihn
beneiden könnte, trotzdem ich doch auch nicht in einem Trappistenkloster geboren
und grossgezogen bin. Aber neben Vogelsang? Null. Und kann auch nicht anders
sein; denn bei Lichte besehen, hat der ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem
Kasten und dreht eins nach dem andern von der Walze herunter, und wenn er damit
fertig ist, fängt er wieder an. So steht es mit ihm, und darin steckt seine
Macht, gutta cavat lapidem; der alte Wilibald Schmidt würde sich freuen, wenn er
mich so zitieren hörte, vorausgesetzt, dass es richtig ist. Oder vielleicht auch
umgekehrt; wenn drei Fehler drin sind, amüsiert er sich noch mehr; Gelehrte sind
nun mal so... Vogelsang, das muss ich ihm lassen, hat freilich noch eines, was
wichtiger ist als das ewige Wiederholen, er hat den Glauben an sich und ist
überhaupt ein richtiger Fanatiker. Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht?
Mir sehr wahrscheinlich. Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar
nicht fanatisch sein. Wer an einen Weg und eine Sache glaubt, ist allemal ein
Poveretto, und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst, so ist er
gemeingefährlich und eigentlich reif für Dalldorf. Und von
