 Zunge hätte zum Sprechen, zum Lügen, zum
Sticheln - du auch!«
    »Ich auch?« fragt Stopfkuchen, aber ohne jeden Ausdruck der Überraschung,
des Gekränktseins oder gar der Entrüstung. Indem er sich halb zu mir wendet,
sagt er:
    »Ein bisschen mehr könntest du selbst bei den heutigen tragischen Umständen
bei dir selber bleiben, Tinchen; und du, Eduard, jetzt kannst du wirklich mal
für die Lebenspraxis was lernen. Du auch! Dies Wort ist großartig, und dann sieh
dir mal das Gesicht an, was sie mir zu der Sottise schneidet. Das hat man nun
davon, dass man einem Frauenzimmer von Kindesbeinen an seine schönsten freien
Sommer- und Winternachmittage und die Ferien ganz gewidmet hat. Hat die Person
wohl eine Ahnung davon, wie viele Prügel et cetera man ihretwegen von Erzeugern
und Lehrern hingenommen hat, ohne einen Muck zu sagen? - Du auch! Mädchen,
Mädchen, wenn das Schaf, dieser Eduard hier, nicht bei uns stände, ich würde dir
und deinem verrückten Alten und der Roten Schanze meine Zuneigung noch einmal in
einer Weise deutlich machen, die sich wahrhaftig nicht gewaschen haben sollte.«
    Nun läuft wieder ein Zucken über die Schultern unter dem buntbäuerlichen
Brusttuch. Die Erbtochter der Roten Schanze schielt wie ein nur halb gebändigtes
und zum Bessern überredetes oder vielmehr verschüchtertes Tier zu dem angehenden
Kandidaten aller denkbaren Brotstudien, Schaumann, auf; sie will mit beiden
Fäusten auf den Tisch schlagen, aber es geht nicht. Sie lässt die Arme schlaff am
Leibe heruntersinken und schluchzt:
    »Ich habe keinen gerufen, um sich um mich zu bekümmern!«
    »Ne«, sagt Stopfkuchen. »Ja, da hat sie recht, Eduard! Ich bin ganz von
selber gekommen und habe mich ihrer angenommen. Du weißt es ja, Eduard.«
    Ganz so genau, wie der Freund zu meinen schien, wusste ich es doch nicht. Nur
das wusste ich, dass es während unserer ganzen »Jungenszeit« in dieser Hinsicht
und nach der Anschauung sowohl des Hauses wie der Schule keinen verrücktern
Bengel gegeben hatte als Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. Wie ich mit
dem Landpostboten Friedrich Störzern gelaufen war, so hatte er sich vor der
Roten Schanze festgelegt - »wie die Katze vor dem Mauseloch«, wie er sich selber
ausdrückte. Um mit einem zu gehen oder gar zu laufen, dazu war der gemütliche
Knabe viel zu faul; aber sich durch einen Reisbreiwall ins Schlaraffenland
hineinzufressen, dazu war er imstande, und dieses war bis jetzt die Meinung der
Welt und also auch die meinige über ihn gewesen. Das war es einzig und allein,
was ich damals an jenem Abschiedstage über sein Verhältnis zu - dem Mädchen, zu
Tinchen -
