 es gibt schon längst keine Rinder und Schafe mehr
in den angelegten Viehparks; bald sind auch alle Pferde verzehrt, und es beginnt
die Periode, wo die Hunde und Katzen, die Ratten und Mäuse, schließlich auch die
Tiere des jardin des plantes, selbst der so beliebte, arme Elephant als Speise
dienen müssen. Brot ist beinah nicht mehr zu erlangen. Stunden- und stundenlang
müssen die Leute vor den Bäckerläden in der Reihe harren, um ihre kleine Ration
zu bekommen, doch die meisten gehen leer aus. Erschöpfung und Krankheiten machen
reiche Todesernte. Während gewöhnlich in der Woche 1100 Menschen starben, weisen
die pariser Sterbelisten jetzt wöchentlich 4-5000 auf. Täglich also ungefähr 400
unnatürliche Todesfälle - das heißt also Morde. Wenn auch der Mörder kein
Einzelner war, sondern ein unpersönliches Ding, nämlich der Krieg, so sind es
darum nicht minder Morde. Wen traf die Verantwortung? Etwa jene
parlamentarischen Grosssprecher, welche in ihren Hetzreden mit stolzem Patos
erklärten - wie dies Girardin in der Sitzung vom 15. Juli getan - dass sie »die
Verantwortung eines Krieges vor der Geschichte auf sich nähmen«? Können denn
eines Menschen Schultern stark genug sein, solche Verbrechenlast zu tragen?
Gewiss nicht. Es fällt auch Niemandem ein, die Prahler nachträglich beim Wort zu
nehmen.
    Eines Tages, es war um den 20. Januar herum, kam Friedrich, von einem Gang
durch die Stadt heimgekehrt, mit erregter Miene in mein Zimmer.
    »Nimm Dein Eintragebuch zur Hand, meine eifrige Geschichtsschreiberin!« rief
er mir zu. »Heute gibt es einen wichtigen Posten.« Und er warf sich in einen
Sessel.
    »Welches meiner Bücher?« fragte ich. »Das Friedensprotokoll?«
    Friedrich schüttelte den Kopf:
    »O, mit dem ist's wohl für lange Zeit vorbei. Der Krieg, der jetzt gefochten
wird, ist zu gewaltiger Natur, um nicht kriegerisch fortzuwirken. Auf der Seite
der Besiegten hat er einen solchen Vorrat von Hass- und Rachesaaten ausgestreut,
dass daraus eine künftige Kampfernte hervorwachsen muss; und andererseits hat er
für den Sieger solche großartige umwälzende Erfolge zu stande gebracht, dass dort
eine gleich große Saat von kriegerischem Stolze aufgehen wird.«
    »Was ist denn so Bedeutendes geschehen?«
    »König Wilhelm wurde in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Es gibt
jetzt ein Deutschland - ein einiges Reich - und ein mächtiges Reich. Das gibt
einen neuen Abschnitt in der sogenannten Weltgeschichte. Und Du kannst Dir
denken, wie aus dem neuen, aus Waffenarbeit hervorgegangenen Reiche diese Arbeit
hoch in Ehren gehalten sein wird. Die beiden vorgeschrittensten Kulturländer des
Festlandes sind es also hinfort, welche den Kriegsgeist pflegen werden - das
eine, um den erhaltenen Schlag zurückzugeben;
