 dies Beispiel, das mir gerade durch den Kopf
schoss, gut gewählt. Ich sag's ja: Was ist Wahrheit, fragt die Welt mit Pontius
Pilatus. Buchstaben und Geist befehden sich in uraltem Kampf. Sie haben mich gar
nicht verstanden, wie's scheint, wir wollen uns also nicht ereifern über ein
Phantom. Der juristische Größenwahn, der für alle Fälle eine Formel im Futteral
trägt und sich im Besitz der höchsten Weisheit wähnt, gleicht dem theologischen
Größenwahn an Dummheit und dem Mediciner-Größenwahn an eingebildeter Selbstsucht
- er disputirt über den schönen Fall und doktert das kostbare Leben darüber zu
Tode.«
    »Erlauben Sie, mein Herr..«
    »Jawohl, stellen Sie den Antrag auf Beleidigung der juristischen Fakultät!
Ich selbst pfeife auf eine Rechtspflege, die z.B. noch nicht einmal die
Entschädigung unschuldig Verurteilter kennt. Recht! Wenn Allen geschähe nach
Recht, wer wäre vor Schlägen sicher! Gott, der die Nieren prüft, urteilt sicher
gar verschieden und stellt manchen Mörder noch über seinen correcten Richter.
Das Recht, das von den ewigen Sternen niederflammt - - Doch genug. Auf
Wiedersehen, Herr Rechtsanwalt! Ich appellire bis ins Aschgraue - dass Sie's nur
wissen! Also bitte bald den Termin zu betreiben!«
    Als Isidor Knaller die Treppe hinabstieg, tippte er mit zwei Fingern gegen
die Stirn, nachdem er den Kneifer abgenommen, sich die Augen gerieben und die
Nase geschneuzt hatte: »Ein merkwürdiger Fall! Muss doch mit Sanitätsrat
Niemeier reden. Hochgradiger Größenwahn auf der Basis nervöser Zerrüttung.«
 
                                      VI.
»Ach, erzählen Sie mir doch, hochverehrter Herr Graf!« Dondershausen stellte
Krastinik auf dem Dönhofsplatz. »Wie ich höre, ist Ihr Freund, der Maler Roter,
in Norwegen auf mysteriöse Weise umgekommen. Steht heute in der Zeitung. Er soll
ja an Sie und den Genremaler Knorrer noch vor seinem Tod geschrieben haben.«
    »Ja, aus Hönevoss. Einen ganz heitern Brief.«
    »Ganz recht. Und ob ein Unglück oder ein Selbstmord vorliege, ist nicht
ersichtlich. Er hat die Flasche mit Karbolsäure vielleicht schlaftrunken aus
Versehen statt der Wasserkaraffe geleert - grässlicher scheusslicher Tod! Aber
wie, wenn bewusste Absicht -?«
    Krastinik zuckte die Achseln und sah finster vor sich nieder.
    »Ich weiß von nichts.«
    »Hm, mir schien der Mensch immer krankhaft. O unsre Zeit! Alles Folge der
schlechten Erziehung«
    »Und was wäre denn eine gute Erziehung?«
    »Die einzig gediegene Methode der Pädagogik ist die meines Kastellans daheim
auf Schloss Dondershausen!« entschied der Oberst hochtrabend. »Dieser versammelt
seine Buben jeden Sonntag Morgen, in der einen Hand eine Rute, in der andern
eine
