 zugleich als Teaterkritiker einer
größeren Zeitung auf, so dass nun das Jüngste Deutschland alle Segel seines
idealen Schwunges zur Reinigung der Literatur einsetzen konnte. Betrachtete
doch Haubitz die gesammte Teaterwelt als eine Mistjauche, die im weitesten
Umfange ausgepumpt werden müsse!
    Lämmerschreier aber erstand dem deutschen Volke als geschätzter
Kunstkritiker. Wie er das wurde, o es geschehen noch Zeichen und Wunder! Nach
seiner eignen Erzählung (er übte sich manchmal in einer wohlfeilen
Selbstpersiflage) verhielt sich die Sache so: - - -
    »Sie wollen bei uns eintreten?« schnob ihn der Chef des großen Blattes
imperatorisch an. »Was können Sie? Womit empfehlen Sie sich?«
    »Mein Styl -« begann Jener zaghaft. »Ich schreibe -«
    »Ach was! Bei uns wird überhaupt nicht geschrieben - da wird nur geschnitten
und geschmiert - geschnitten mit der Scheere, geschmiert mit dem Kleistertopf.
Ich frage nach Ihren journalistischen Fähigkeiten. Können Sie machen
Skandalnotizen?«
    »Ich weiß nicht, ob - wenn Stoff und Grund -«
    »Aha, ein Anfänger! Stoff und Grund braucht nicht da zu sein - man findet
ihn. Ich frage, können Sie verdächtigen, wie? Können Sie verleumden?«
    »Ich glaube, dass in einer guten Schule -«
    »Daran wird's Ihnen bei uns nicht fehlen. Doch ich sehe, Sie sind noch grün.
Man kann Ihnen den politischen und lokalen Teil nicht anvertrauen. Wie wär's
denn mit der Kunst-Kritik, was?«
    »Ich verstehe leider nichts davon.«
    »Sancta simplicitas! Sie sollen aber verstehen! Hier - da! Da ist der Katalog
der Kunstausstellung. Schreiben Sie mir ein Feuilleton. Was rot angestrichen
ist, wird gelobt. Was gelb angestrichen ist, wird gerissen.«
    »Ich werde mich sofort an Ort und Stelle begeben.«
    »Gut, tummeln Sie sich. Ich gebe Ihnen eine Stunde zum Besuch der
Ausstellung und zwei zur Niederschrift des Artikels. Hoffentlich haben Sie
keinen sogenannten ernsten Geschmack?«
    »Nein, ich habe gar keinen.«
    »Desto besser! So haben Sie doch etwas, was zu einem Journalisten gehört.
Vorwärts! An's Werk!«
    Der Neuling fuhr per Pferdebahn zur Ausstellung und sah sich die Sachen
flüchtig an; dann ging's an's Schreiben à fünf Reichspfennige per Zeile. Zwei
Stunden später hatte der Chef das Manuskript in Händen. Bei der Lektüre
desselben entglättete sich seine Stirn und er war zufrieden.
    »Nussikow's Portraits zeichnen sich wieder durch jene markige kecke
Pinselführung aus, welche die überwundenen Standpunkte der alten Schule
beschämt. Seine breite massige Farbengebung, sein schönes rotes und gelbes
Kolorit, seine feinen Pinselstriche, seine unvergleichliche Wiedergabe
