 leer war Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den
geistig völlig Blinden. Allen übrigen wird der leere Teller des Nachbars den
Appetit verderben - dem Braven aus Rechtsgefühl, dem Feigen aus Angst... Darum
sorge dafür, wenn du deinen Teller füllst, dass es in deiner Nachbarschaft so
wenig leere als möglich gibt. Begreifst du?«
    »Ich glaube, ja.«
    »Begreifst du auch, dass du nie eines Menschen Feind sein sollst, auch dann
nicht, wenn er der deine ist?«
    »So etwas«, erwiderte Pavel, »hat mir schon meine Schwester gesagt.«
    Habrecht drückte seine Freude an dieser Übereinstimmung aus und fuhr fort:
»Ferner, verlerne das Lesen nicht. Ich habe aus meinem Vorrat von Schulbüchern,
ehe ich ihn verschenkte, sechs Stück für dich beiseite gebracht - du wirst sie
durch die Post erhalten -, schlichte Büchlein, von unberühmten Männern
zusammengestellt; wenn du aber alles weißt, was in ihnen steht, und alles tust,
was sie dir anraten, dann weißt du viel und wirst gut fahren. Lies sie, lies sie
immer, und wenn du mit dem sechsten fertig bist, fange mit dem ersten wieder
an... Was das Allerschwierigste im Leben betrifft, die süßeste, die grausamste,
die mächtigste und fürchterlichste aller Leidenschaften - ich mag sie gar nicht
nennen -, so meine ich, du wärst abgeschreckt und könntest es bleiben. Sie ist
dir am Quell vergiftet worden, bei ihrem ersten Ursprung, das hilft manchmal für
immer. Du hast es mit ihr so schlecht getroffen, wie dein aufrichtigster Freund,
für den ich mich halte, es dir nicht besser hätte wünschen können.«
    Auf dem Bahnhofe waren immer mehr Leute zusammengekommen; ein erstes
Glockenzeichen wurde gegeben; aus der Ferne gellte ein Pfiff. Habrecht merkte
von alledem nichts; er hatte Pavel am Rock gefasst und redete hastig und heftig
in ihn hinein: »Nicht jeder braucht einen Hausstand zu gründen; das ist der
größte Wahn, dass man einige Kinder haben müsse - es gibt Kinder genug auf der
Welt... und je besser ein Vater ist, desto weniger hat er von seinen Kindern -
wer fühlt edel und selbstlos genug, um sich zutrauen zu dürfen, er werde ein
guter Vater sein? ... Und deinen Ruf, lieber Mensch, achte auf deinen Ruf, du
weißt schon, die gewisse Tafel, die blank sein muss die deine war sehr
verkritzelt... putze, fege, strebe vorwärts... glaube: wenn du heute nicht etwas
besser bist, als du gestern warst, bist du gewiss etwas schlechter...«
    »Herr Lehrer«, wollte Pavel ihn aufmerksam
