 meine
Schwester könnte ich nicht so allein hinausziehen lassen. Mich würden die Sorgen
umbringen. Ich hätte die schauerlichsten Träume. Unmöglich auf die Dauer.«
    »Da haben wir gleich wieder den kühnen Wandrer, der kein Schollenkleber ist!
Lass' Dich auslachen, Schlichting! So reise ihr doch nach!«
    »Herrgott, ja, auf der Stelle, wenn's möglich wäre.«
    »Deiner Schwester, mein' ich.«
    »Ja, hätt' ich erst eine ... Sagen wir, unserer Schwester, damit ich
wenigstens Sorge hegen kann, wo Du nur Vertrauen und Freude hast, glücklicher
Kuglmeier.«
    »Komischer Gedanke. Einverstanden: Du bekommst den Sorgenteil. Du könntest
übrigens Deine impressionistische Kriminalnovelle so einrichten, dass Du ihr das
Manuskript als geistigen Reisebegleiter nachschicktest. Donnerwetter, siehst Du,
das ist wieder so eine Idee, wie sie nur mir kommen kann. Flora wird lachen:
schick' ihr die Geschichte, sobald Du sie fertig hast. Ich verpflichte mich, zu
Deiner Einführung ein Vorwort dazu zu verfassen, das sich gewaschen hat ... Auch
einen Titel will ich Dir dazu erfinden helfen, der sich hören lassen soll. Titel
erfinden ist meine Hauptstärke - ein Zeichen, dass ich nicht ohne poetische Ader
bin. Nur bin ich zu faul, sie auszubeuten. Ein schöner, klingender Titel wäre -
wart' einmal - wäre - Merkwürdig, jetzt fällt mir gerade nichts ein ... Weißt Du
was? Wir bitten Flora selbst einen zu erfinden. Das gibt einen Vorwand mehr!
...«
    »Was ich hier geschrieben, ist doch keine Damenlektüre.«
    
    Das war Ziererei. Der Vorschlag behagte Schlichting über die Massen.
    »Damenlektüre? Na, wenn Du glaubst, dass sich meine Flora für sogenannte
Damenlektüre begeistert ... Ihr wird übel, wenn sie auf Kilometerweite einen
Marlitt-Roman sieht; nein, mein Freund, diesem zarten Geschöpf ist in geistigen
Dingen nichts stark genug. In allem eine Heldennatur ...«
    »Ganz Dein Ebenbild!«
    »Du hast gut spotten. Ich vertrage auch etwas; im ganze naturalistische
Literatur hat für mich keine Überraschung mehr. Nur mache ich öffentlich keinen
Gebrauch davon. Soll ich mich den dummen Menschen am Ende gar als Freigeist
vorprahlen? Fällt mir nicht ein. Als neulich der Professor Hirneis - es war in
einer seiner berühmten schöngeistigen Soiréen - die Rede auf die Zola-Romane
brachte, da protestierte ich empört gegen den Verdacht, jemals dieser
After-Literatur meine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, obwohl die Nana der
einzige Roman ist, den ich aus meiner Tasche gekauft und sowohl im Original wie
in der Übersetzung mit Eifer gelesen habe. Dafür lobte ich
