 erst finden. Ich weiß augenblicklich nichts mehr.«
    »Du weißt nichts mehr? Ach was, Narrenspossen! Rücke nur heraus mit Deinen
Geheimnissen -«
    »Visionen!«
    »Ich nehme das Wort zurück. Du bist der scharfäugigste Mensch des
Jahrhunderts. Ich glaube an Dein nächtliches Menschenpaar auf dem Wurzelast, wie
ich an Adam und Eva im Paradiese glaube, oder an die Blondine und die Brünette
und die ganze Rotte Korah, oder an den Pressbanditen und seine Kloake. Das läuft
ja alles mit und neben uns herum, fährt mit uns auf der Pferdebahn, zecht mit
uns in der Arche Noah, da ist lauter echtes, patentiertes Gesindel - und Du, der
stille, schlaue Schlichting, entpuppst Dich als sein Geschichtschreiber. Ich
wette, ich bekomm' auch mein Teil ab. Komm', erzähl' mir wenigstens meine
geheime Historie der nächsten vierzehn Tage!«
    »Ich bin kein Fabulist, erfreue mich auch keines zweiten Gesichts. Ich stehe
nur auf Lebenschatsachen und reite nicht in Phantasienebeln herum.«
    »Gott sei Dank. Das würde Dir auch schlecht bekommen. Wir sind die positiven
Kinder eines positiven Jahrhunderts. Aber das hindert nicht, dass wir uns das
wissenschaftliche Ragoût, das uns die Gelehrsamkeit auftischt, heimlich mit
etwas Träumerei garnieren. Mach' mir einmal den Spaß und versetz' Dich in meine
Haut und träume mir ein Stückchen von meinem nächsten Lebensschicksal mit
offenen Augen vor!«
    »Dein Lebensschicksal? Offen gestanden, ich glaube gar nicht, dass Du eins
hast. Du treibst's einfach wie die anderen, nach der offiziellen
Gebrauchsanweisung und den bewährten Mustern: heute noch lustiger Student,
morgen ernster Philister, übermorgen kluger Beamter mit Weib und Kind, dann ein
gottwohlgefälliger Bureau-Maschinist mit glücklicher Streberei, zuletzt ein
protektionsbeflissener, erhabener Troddel, dein schließlich der Staat für
treugeleistete Dienste seine höchsten Orden an die Brust steckt und von dem die
Kollegen neidvoll-bewundernd sprechen: Da seht den dicken Kuglmeier, der hat
eine brillante Karriere hinter sich, der hat's zu etwas gebracht, der ist ein
gemachter Mann und eine Zierde unseres Standes, - wenn ihn nur bald der Teufel
holte, denn er ist lang genug mit dem faulen Hintern im Schmalztopf gesessen.«
    »Wunderschön!«
    »Aber das nenn' ich kein Lebensschicksal, das nenn' ich überhaupt kein
Leben, sondern höchstens - -«
    »'raus damit, göttlicher Grobian!« rief Kuglmeier und schüttelte sich vor
Lachen. »Höchstens - -«
    »Eine veredelte Affenkomödie, welche das wahre Menschentum mit seinen hohen
Zielen und Idealen Parodiert.«
    »Auch Du, mein Brutus! Null tust Du mir aber wirklich leid; denn mit einem
solchen Begriff vom Leben
