 Sie sind jedenfalls wieder bei jener
Frau gewesen - - und hatten sich verspätet.«
    Es entstand eine neue Pause.
    Drillinger hatte die Alte sanft in den Lehnstuhl zurückgedrückt. Er ging
unruhig in der Stube auf und ab. Seine Stirn runzelte sich; er fuhr wiederholt
mit der Hand darüber, als wollte er die Falten glätten und unbequeme Gedanken
verwischen.
    Endlich platzte er unmutsvoll heraus - seine Stimme klang merklich heiser:
»Ist denn heute der reine Gespenstertag? Wie viel dummes Zeug habe ich nun
diesen Morgen schon von Dir hören müssen! Es ist wirklich ärgerlich. Ihr Weiber
könnt einem auch gar nichts ersparen. Und dann immer diese Umständlichkeit!
Alles wird so nach und nach herausgedrückt, tropfenweise - damit einem der Genuss
des Unangenehmen ja nicht verkürzt wird. Ich bin gewiss ein guter Kerl, aber
heute, Brigitta, hast Du mir den Humor gründlich verdorben. Hättest Du beim
Aufstehen gleich alles herausgesagt, was Dir in dieser Nacht Tolles durch den
schlaflosen Kopf gefahren, dann wären wir jetzt längst darüber hinweg. Aber so
...«
    Er grollte noch eine Weile leise in sich hinein. Träume - Ahnungen! Mein
Gott, ja, dergleichen kann freilich sehr unangenehm und beängstigend sein: aber
welcher vernünftige Mensch wird etwas darauf geben? Eine schlechte Lage, ein
verstimmter Magen - richtig: Brigitta hatte gestern gewiss etwas Unverdauliches
genossen. Und ein misshandelter Bauch rächt sich durch allerhand böse Träume und
Gemütsbeklemmungen. Was im Unterstübchen gesündigt wird, dafür muss man
gewöhnlich im Oberstübchen büßen. Das ist trivial, aber es ist einmal so. Und
Drillinger musste plötzlich laut auflachen, dass er selbst auch nur eine Minute
solche Schlafstuben-Geschichten einer zwar lieben, aber gebrechlichen und
abergläubischen Wirtschafterin tragisch nehmen und zersetzend auf seine gute
Laune wirken lassen konnte. Er hatte wahrlich auch keine übermäßig gute Nacht
gehabt - in den Armen »jener Frau«. Es können's nun einmal nicht alle gleich gut
haben. Was weiter? Und die Alte hatte die Marotte, vom Hundertsten ins
Tausendste zu fahren und alles durcheinander zu wursteln und in den nämlichen
geheimnisvollen Ahnungs- und Schicksals-Darm zu stopfen. »Jene Frau!« Wusste er
nicht selbst recht gut, dass es mit dieser Liaison bald ein Ende haben müsse? Dass
es im Grunde ein dummes, unmoralisches Verhältnis war? War es sein erstes - oder
auch nur einziges? Und im Vergleich zu anderen! - Aber sind unmoralische
Skrupeln in solchen Fällen nicht überhaupt lächerlich? Bis hinauf zu den
höchsten Sittenwächtern kommen solche Dinge vor. Man tut so etwas, wenn das
Blut dazu treibt und lässt's bleiben, wenn der Sinn sich ändert. Man kommt dazu
und weiß nicht wie. Alles ist Zufall. Dergleichen
