 Rufe
hören, bevor wir mit Künstlern und Teoretikern ohne Namen uns einlassen. Ich
begreife den Schmerold nicht, dass er mir so etwas schickt ... Wir wollen doch
nicht bauen, um den Künstlern einen Spaß zu machen? Was architektonische
Phantasien losten, das zeigt uns das Beispiel des Königs. Das kleine Stückchen
Quaistrasse, das wir jetzt haben, ist doch wahrhaftig nicht übel. Wenn wir so
fort bauen, wird die neue Isarstadt schön genug und wir kommen auf unsere Rente
...« Ein anderes Schreiben überfliegend: »Hab' ich's nicht gesagt, die
Zeitungsschreiberei ist nur Wasser auf die Mühle der Sozialdemokraten? Jetzt
marschiert das Lehel bereits gegen die Quaistrasse an und verlangt Paläste für
die Arbeiter! Dieses Schriftstück sollte ich eigentlich dem Xaver Schwarz, dem
ewigen Vorstande des Hausbesitzervereins, vorlegen, der während der Gemeinde-und
Landtagswahlzeit nicht müde geworden ist, als frommer Ultramontaner ein
sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, und den Noten um den Bart zu gehen. Jetzt
sitzt er in der Kammer und im Reichstag und dünkt sich wunder was. Schwarz heißt
er und schwarz ist er wie ein Schlotfeger - und er segt und scharrt auch
fleißig, für seinen Sack wenigstens. Warum wenden sich die roten Lehelbrüder
nicht an dieses Volksvertretungsmuster? Was wollen sie von mir, der ich weder
Stadtvater noch Land- und Reichsbote bin, sondern einfacher Geschäftsmann?
Meinen diese roten Lehelbrüder, in meinen Geschaftsbüchern hätte ich eine Rubrik
für ihre Wünsche und Hirngespinnste? Warum belästigen sie mich, da ich niemals
etwas mit ihnen zu schaffen hatte? Und dieses Zeug soll ich lesen?«
    Er wog den dicken Brief, aus dem er flüchtig einige Stichproben gelesen, in
der Hand.
    »Wie unverschämt diese Leute gleich ins Zeug gehen! Unser Volksverein hat
vernommen, dass nächstens der Ausbau der Quaistrasse, d.h. die vollständige
Umgestaltung und Neubebauung des linken Isarufers in München, in großem Stile
durchgeführt werden soll; das halbe Lehel, die Ländstrasse, die Wasser-und
Auenstrasse werden diesem Plane zum Opfer fallen. Hunderte von armen Familien,
die seit undenklichen Zeiten still und zufrieden da gewohnt, werden von den,
Isarufern vertrieben oder in ungesunde Kellerwohnungen oder in entlegenere
Pestöhlen des Proletariats gedrängt werden. Der Grund und Boden, an den uns so
viele Familienerinnerungen knüpfen, der uns gewissermaßen heilig ist, wird uns
von der Bauspekulation entrissen, um ihn mit glänzenden Straßen, mit Villen und
Zinspalästen zu bedecken. Uns einen Ersatz dafür zu bieten durch die Anlage von
gesunden und billigen Arbeiterwohnungen in nicht zu großer Entfernung von dem
Weichbilde der Stadt und dem uns liebgewordenen Fluße, daran scheint keiner der
Herren Spekulanten, die doch auch unsere Mitbürger sind, zu denken. dabei wäre
ja wenig oder nichts
