 Warum musste sie sich mit diesem Hanswurst
einlassen. Die Männer sind ja im allgemeinen so feig.«
    »Aber, aber!« drohte ich.
    »Muss man sich nicht zu jedem angeführten oder sitzengebliebenen Mädchen
einen elenden Durchbrenner als Pendant denken?«
    »Was würden Sie der armen Ariadne raten, wenn sie nun erwacht und ihre
trostlose Situation übersieht?« fragte ich listig.
    »O, das ist sehr einfach: ich würde ihr raten, zunächst ein bisschen zu
tanzen, um ihre verrenkten Glieder wieder in Ordnung zu bringen - sie liegt ja
so schlecht, sehen Sie nur, es sind ihr gewiss auch die Beine eingeschlafen - und
dann soll sie dem sauberen Helden eine Nase drehen und sich selbst auslachen.
Wenn sie das nicht vermag, soll sie sich wieder hinlegen und schlafen bis zum
jüngsten Tag.«
    »Aber dann hätte ja der gute Dionysos nichts zu trösten gehabt!«
    Ein ganz besonderes Vergnügen bereiten meinen genialen Kameraden die
Wandinschriften, die Dipinti und Sgraffiti. Die Elemente des Lateinischen sind
ihr geläufig, da sie ihrem jüngeren Bruder auf Lateinschule und Gymnasium bei
Fertigung der Hausaufgaben fleißig helfen musste, um den Faullenzer vorwärts zu
bringen, und ihre vollkommene Beherrschung des Französischen und Italienischen
weiß sie mit feinem Sprachinstinkt auch für die Entzifferung antiker Inschriften
nutzbar zu machen. Reicht's nicht, spring' ich mit den Resten meiner
Schulgelehrsamkeit zu Hilfe. Im Korridor der Kasa dell' Orso haben wir lange
nach dem Original des bekannten Doppel-Distichons gesucht, das in jedem
Pompeji-Führer steht und von Rossmann so verdeutscht wurde:
Liebende herbei! Ich will
Venus einige Rippen brechen,
Ihrer Schenkel Götterkraft
Will ich mit dem Knüttel schwächen!
Kann sie mir das Herz zerreißen,
Kann ich ihr den Kopf zerschmeissen.
    Wir fanden's nicht. Dafür das andere:
Binde den Wind hier an, wer da Liebende schilt; er verbiete
Munter springendem Quell, dass er zu Tale enteilt.
    Ist das nicht ganz reizend? Später hatten wir das seltene Finderglück, ein
Distichon einzuheimsen, das allen seiterigen Sammlern entgangen zu sein
scheint. Ich bin so freigebig, es Ihnen im Originaltext zu verehren:
Qui quidem amat, vivit; moritur qui nescit amare,
Bis morietur qui saevus amare vetat.
    Drei Worte waren nicht mehr leserlich, ich habe sie aus Eigenem ergänzt -
und ich will's um des hübschen Inhalts willen gern auf mich nehmen, von Ihnen
ausgelacht zu werden, wenn ich gestümpert oder ganz daneben geschossen habe. Ich
bin ja so wenig ein Dichter wie ich ein geborener Lateiner bin. Aber diese
Todesdrohung für den, der nicht zu lieben versteht - gibt das nicht zu denken?
Und ich will leben, langes, reiches, lebendigstes Leben leben!
